Frankfurter Rundschau: Herr
Erichsen, sind die aus den 70er Jahren stammenden Gruppen- und Gremienhochschulen
mit ihrer Organisationsform ein Hindernis für dringend nötige Reformen?
Erichsen: Die gerne vertretene Ansicht, die Hochschulen von heute
seien durch "organisierte Verantwortungslosigkeit" gekennzeichnet, halte
ich für eine zutiefst verzerrende Karikatur. Die Gruppen- und Gremienhochschule
ist nach meinen Erfahrungen längst nicht so reformunfähig, wie das immer
wieder behauptet wird. Das gilt jedenfalls dann, wenn die Früchte des Reformbemühens,
insbesondere auch die finanziellen, in der Hochschule verbleiben. Für die
künftige Entwicklung ist es notwendig, Entscheidungskompetenz und Folgenverantwortung
stärker als bisher zusammenzuführen.
Forderungen nach stärkerer Privatisierung von Hochschulen werden immer wieder erhoben - ist das ein Lösungsweg?
Die Forderung nach einer stärkeren Privatisierung ist realitätsfern.
Private, insbesondere die Wirtschaft, sind nicht bereit, sich finanziell
in größerem Rahmen zu beteiligen. Wenn der Staat seine Hochschulen in privatrechtliche
Organisationsformen überführen sollte, muss er sich vor Augen führen, dass
dies kein Weg zur Geldschöpfung und zur Befreiung bestehender verfassungsrechtlicher
und hochschulrechtlicher Verpflichtungen ist. Er kann sich also auf diese
Art und Weise nicht von seiner öffentlichen Verantwortung lossagen.
Aber dem Staat gerät die klassische Volluniversität zunehmend zur Bürde.
Das Konzept der "Volluniversität" wird kaum durchzuhalten sein. Die Entwicklung
geht vielmehr hin zu einer Hochschule, die sich durch ihre Stärken im internationalen
Wettbewerb behauptet. Das ist nur über eine begrenzte Zahl von Fächern mit
einem spezifischen Profil möglich. Andererseits: Wissenschaftlicher Fortschritt
findet heute an den Schnittstellen verschiedener Disziplinen statt. Monodisziplinäre
Hochschulen geraten immer mehr zu Trainingsanstalten.
In allen Organisationsformen zwischen Privatisierung und öffentlicher
Verantwortung bleibt das Problem knapper öffentlicher Budgets - wie kann
man verhindern, dass die Wirtschaft mit einem Engagement die Hochschulbildung
allein ihren Interessen unterordnet?
Die Gefahr, dass die Hochschulbildung den Interessen der Wirtschaft untergeordnet
und sie damit rein utilitaristisch ausgerichtet wird, ist nicht von der Hand
zu weisen. Die Wirtschaft verkennt, dass es nicht die Aufgabe der Hochschulen
ist, ihre Absolventinnen und Absolventen berufsfertig zu machen. Nach dem
Hochschulrahmengesetz kommt den Hochschulen die Aufgabe zu, die Studierenden
zu einem berufsqualifizierenden, aber nicht berufsbefähigenden Abschluss
zu führen.
Wie beurteilen Sie insgesamt das Verhältnis zwischen Hochschulen und Wirtschaft?
In nicht unerheblichem Maße ist das Verhältnis von Autismus gekennzeichnet.
Das gilt auch für das Verhältnis von Hochschulen und Politik. Das kann nur
durch Vertrauensbildung geändert werden. Die Zusammenarbeit wird sich allerdings
nur dann für alle Beteiligten produktiv und gewinnbringend gestalten, wenn
die Hochschulen zu ihrer ureigenen Kultur stehen: Anders als die Wirtschaft
sind sie eben nicht profitorientiert. Ihr Erkenntnisinteresse und ihre Neugierde
sind von immateriellen Werten bestimmt.