Gunnar Heinsohn und Otto Steiger (Universität Bremen)

Nachfrage-Angebot-Beziehungen im Zögling-Erzieher-
Verhältnis: Möglichkeiten und Probleme

Dreizehn Thesen für die Konferenz
Die Privatisierung des Bildungsbereichs: Eigentum und Wertschöpfung in der Wissensgesellschaft

Universität Hamburg, 15.-17. Juni 2000

1.
Die Optimierung der Binnenbeziehung Zögling-zu-Erzieher ist das Hauptziel der Pädagogik (Fischer 1931). Eine Analyse von ökonomisch und nicht-ökonomisch bestimmten Zögling-Erzieher-Relationen fragt mithin danach, welche Bestimmung mehr für diese Optimierung leistet.

2.
In erbständischen Gesellschaften bestimmt das Reproduktionsmuster (Gewerbeeigentum) der Eltern die Zahl ihrer Kinder und die Erziehungsziele für diese Kinder. Die Eltern fragen Erziehungsleistungen nach, die diese Ziele umzusetzen versprechen. Auf diese Nachfrage müssen die Anbieter von Erziehung reagieren, wenn sie im Erziehungsgewerbe gegen die Konkurrenz bestehen wollen. Die Eltern sind an dieser Konkurrenz interessiert, weil unqualifizierte Anbieter vom Erziehungsmarkt verschwinden.
3.
Die europäisierte Welt hat im halben Jahrtausend von etwa 1480 bis 1980 über staatlich durchgesetzte bevölkerungspolitische Maßnahmen die Bürger dazu gezwungen, mehr Kinder in die Welt zu setzen, als ihren Reproduktionsinteressen entsprach (Heinsohn/Knieper/Steiger 1979; Heinsohn/Steiger 1985/1989; Heinsohn/Steiger 1999). Die erbständischen Erziehungsziele werden in dieser Epoche für die überschüssigen Kinder unangemessen. Die nichterbständischen Bevölkerungsschichten verfügen von vornherein über eigenständig begründbare Erziehungsziele nicht. Überdies sind sie nicht imstande, den aufgezwungenen Nachwuchs ausreichend zu versorgen.
4.
Aus dieser Situation entstehen im neuzeitlichen Europa mit den Bewahranstalten für die bis 6 Jahre alten Kinder und den Zwangsschulen für die älteren kasernenartige Institutionen für Kinderkollektive. Diese Institutionen leisten am Ende durchaus einiges für die staatliche Bevölkerungspolitik, indem sie das Leben der Kinder erst einmal bewahren. Bis es allerdings soweit ist, muß eine ausgeklügelte staatliche "Schulhygiene" (Fischer 1926) entwickelt werden, mit der epidemische Krankheiten in den Einrichtungen der Massenkindhaltung unter Kontrolle gebracht werden können. Bekannterweise ist diesbezüglich ein hundertprozentiger Erfolg bis heute nicht erreichbar (Läuseplagen etc.).

5.
Da die Optimierung der Erzieher-Zögling-Beziehung als Kernziel der Pädagogik im kasernierten Kinderkollektiv ihre welthistorisch schwerste Aufgabe gestellt bekommt, entwickelt sich in Europa parallel zur Massenkindhaltung die Erziehungswissenschaft. Sie formuliert (i) Erziehungsziele für die den Reproduktionsinteressen der Eltern äußerlich bleibenden Kinder und sie arbeitet (ii) an Umsetzungen dieser Ziele durch Konzepte praktischer Pädagogik bzw. "angewandter Psychologie" (Vogel 1877, 156). Selbstverständlich ist es niemals gelungen, das Kollektiv auf optimale Zögling-Erzieher-Beziehungen zuzuschneiden. Kollektiv und optimale Beziehung bilden einen unauflöslichen Widerspruch. Die aus ihm resultierende Sisyphosarbeit der staatlichen Pädagogik reflektiert sich in einer nie endenden Reihe von Schul- und Erziehungsreformen.
6.
Beginnend in den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts geht der nordamerikanische und westeuropäische Teil der westlichen Welt in ein neues Reproduktionsmuster über. Bevölkerungspolitische Zwangsmaßnahmen entfallen zunehmend. Zugleich werden die erbständischen Bevölkerungsanteile mit deutlich umrissenen, eigenständigen Erziehungszielen zu einer verschwindenden Minderheit. Die verelendeten Kinderscharen des 16. bis 20. Jhs. - die ’Enterbten dieser Erde’ -, die man fürs blanke Überleben und den Erwerb minimaler Kulturtechniken in staatliche Zwangskollektive verbracht hatte, sind in diesen Erdregionen die krasse Ausnahme geworden. Ohne daß dieser Hintergrund begriffen worden wäre, entstehen durch ihn jetzt möglich werdende Termini für die Optimierung der Zögling-Erzieher-Beziehung wie "Differenzierung" (Husén/Boalt 1968 [1964], 84 ff.) gegen mechanische Jahrgangskollektive und - bald darauf - "Entschulung der Gesellschaft" (Illich 1971).
7.
Eltern sind nunmehr Eltern von Wunschkindern. Diesen können sie eine fest umrissene Zukunft nicht versprechen, während sie zugleich mehr Zeit und Mittel für die Entwicklung der wenigen Kinder [1,3 pro Frau] zur Verfügung stellen können als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Für fast alle Kinder tritt damit die Gestaltung einer optimalen Zögling-Erzieher-Beziehung in den Bereich des Möglichen.
8.
Da die Wunschkindeltern Erziehungsziele nicht determinieren können, bleibt Erziehungswissenschaft unverzichtbar. In den Standardformulierungen der allseitig entwickelten Persönlichkeit oder der Vorbereitung auf lebenslange Lern- und Leistungsbereitschaft wird die unabwendbare Nichtdeterminierbarkeit der Erziehungsziele zum Ausdruck gebracht.
9.
Gegen die jetzt objektiv mögliche Optimierung der pädagogischen Beziehung spricht die weiterhin staatliche Schulpflicht mit der Auflage, ihr in staatlichen oder staatlich lizensierten Anstalten nachzukommen. In diesen Anstalten ist die Nachfrage nach einer optimalen Beziehung von der Zöglingsseite her ausgeschlossen. Die Zöglingsseite kann einen gleichgültigen oder sonstwie untauglichen staatlichen Erzieher nicht in die Leistungskonkurrenz mit anderen Erziehern zwingen, bei der sein ‘Gewerbe’ zur Disposition steht. Zugleich kann selbst der tüchtigste staatliche Erzieher nicht Anbieter optimaler Beziehungen werden, da die Kinder per Anweisung bei ihm landen und durch Auflagen seinerseits - jenseits der allgemeinen Schulregeln - nicht zurückgewiesen werden können.
10.
Für Schulen und vorschulische Bildung (ohne Berufs- und Hochschulen) geben die öffentlichen deutschen Haushalte 105 Milliarden DM aus (1996). Dieser Betrag also kann von der Zöglingsseite - 10,15 Millionen Menschen (1997/98) - als Nachfrage nach optimalen Zögling-Erzieher-Beziehungen nicht eingesetzt werden. Zugleich fallen knapp 668.000 staatliche Erzieher und Lehrer (1997) sowie etwa 167.000 weitere in den Kindergärten, insgesamt also 835.000 Kräfte als gewerbliche Anbieter optimaler Beziehungen für diese 105 Milliarden DM aus.
11.
Würden die etwa 10.000 DM pro Zögling vom staatlichen Zwangsanbieter weg per Steuerpolitik an die Eltern fallen, dann hätten sie - unter Einbeziehung der übrigen Tansfers (Kindergeld) und Abgabenreduktionen - pro Kind an die 15.000 DM im Jahr für die Nachfrage nach optimalen Zögling-Erzieher-Beziehungen zur Verfügung. Der Staat könnte sich - wie für so viele andere Branchen - auf gesetzliche Leistungsstandards - einschließlich solcher für Menschenrechte und humanistischer Bildungsideale - beschränken.
12.
So lange die Rückführung der in die Staatsbudgets eingehenden Steuermittel nicht erfolgt, können nur die Besserverdienenden pädagogische Optimierung betreiben. Die breite Mehrheit hingegen wird staatlicherseits daran gehindert, eine wirksame Nachfrage nach Erziehungsleistungen entfalten zu können. Für diese Behinderung der Elternmehrheit sorgt allerdings nicht allein die Furcht, daß Eltern bei der Auswahl optimaler Zögling-Erzieher-Beziehungen versagen könnten. Für diese Sorge spricht wenig, da Eltern, die weder homeschooling (Steentjes 1998; Griffith 1999) betreiben noch persönlich versierte Nachfrager sind, auf Ratingagenturen für Erziehunsganbieter zurückgreifen können.
13.
Zur Unterbindung einer freien effektiven Erziehungsnachfrage trägt sicherlich auch der Widerstand der etwa 835.000 staatlichen Erzieher und Lehrer bei. Müßten sie als freie Anbieter von optimalen pädagogischen Beziehungen auftreten, würde ein Großteil von ihnen vom Markt gefegt. Auch die tüchtige Minderheit der jetzt staatlichen Erzieher müßte sich auf ganz neue Anforderungen einstellen. Die Pfründenverteidigung dieser mächtigen Lobby dürfte mithin noch lange dazu beitragen, daß die meisten Eltern vom Eingehen von souveränen Verträgen mit hochwertigen Erziehungsanbietern ausgeschlossen bleiben.


Literatur
- Fischer, Alfons (1926), "Schulhygiene", in L. Elster et al., Hg., Handwörterbuch der Staatswissenschaften, 4. Auflage, Jena: Gustav Fischer, Siebenter Band, S. 257-276
- Fischer, Aloys (1931), "Pädagogische Soziologie", in A. Vierkandt, Hg., Handwörterbuch der Soziologie, Stuttgart: Ferdinand Enke, S. 405-42
- Griffith, M. (1999), The Homeschooling Handbook: From Preschool to High School: A Parent’s Handbook, 2nd ed., Rocklin/Cal.: Prima Pub
- Heinsohn, G., Knieper, R., Steiger, O. (1979), Menschenproduktion: Allgemeine Bevölkerungstheorie der Neuzeit, Frankfurt/M.: Suhrkamp
- Heinsohn, G., Steiger, O. (1985), Die Vernichtung der weisen Frauen. Beiträge zur Theorie und Geschichte von Bevölkerung und Kindheit (1983), Herbstein: März
- Heinsohn, G., Steiger, O. (1999), "Birth Control: The Political-Economic Rationale Behind Jean Bodin’s 'Démonomanie'", in History of Political Economy, Bd. 31, Nr. 3, S. 423-448
- Husén, T., Boalt, G. (1968), Bildungsforschung und Schulreform in Schweden (1964), Stuttgart: Ernst Klett
- Illich, I. (1971), Deschooling Society, Harmondsworth: Penguin
- Steentjes, G. (1998), Homeschooling in den USA: Darstellung eines alternativen Weges der Beschulung am Beispiel von 19 Familien, Hamburg: Universität (Diplomarbeit)
- Vogel, A. (1877), Geschichte der Pädagogik als Wissenschaft, Gütersloh: C. Bertelsmann

website: Ingrid Lohmann. Letzte Änderung: 22. Mai 2000