Ingrid Lohmann Dieser offene Brief wurde Frau Ministerin Bulmahn am 30. Oktober 2002 übermittelt, und zwar mit den bis zu diesem Tag (mittags) eingegangenen Unterschriften; nachträglich eingetroffene Unterschriften sind unten ergänzt. Er wurde außerdem den Büros der Deutschen Presseagentur in Berlin und Hamburg sowie der Frankfurter Rundschau mitgeteilt.

Am 2. November 2002 wurde er mit den bis dahin eingegangenen Unterschriften den Mitgliedern des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages (14. Wahlperiode; mit der Bitte um Weiterleitung an die Mitglieder des Ausschusses in der 15. Wahlperiode, für die sich dieser Ausschuß bis dato wohl noch nicht konstituiert hat) sowie den PDS-Abgeordneten des Deutschen Bundestages (15. Wahlperiode) zur Kenntnis gegeben.
 

30. Oktober 2002

Offener Brief an die Bundesministerin für Bildung und Forschung

Sehr geehrte Frau Ministerin,

vor wenigen Tagen ist der interne EU-Verhandlungszeitplan für die laufende Verhandlungsrunde im Rahmen des General Agreement on Trade in Services (GATS) der Welthandelsorganisation (WTO) bekannt geworden.

Daraus geht hervor, dass die Europäische Kommission ihren Mitgliedsländern Mitte Januar 2003 weitere Vorschläge zur Liberalisierung im Bereich des tertiären Bildungssektors – höhere Bildung, Erwachsenenbildung und Weiterbildung – vorlegen wird. Die nationalen Parlamente der EU-Mitgliedsländer sowie das Europäische Parlament haben dann eine Frist bis Mitte Februar, um zu diesen weiteren Vorschlägen Stellung zu nehmen.

Trotz bisheriger Beteuerungen, im Bildungsbereich keine weitere Liberalisierung vorzunehmen, fordert die EU-Kommission inzwischen die USA zur Öffnung ihres Marktes auf. Der Grund: Höhere Bildung, Erwachsenenbildung und Weiterbildung sind profitträchtige Segmente des ‚world education market‘, auf denen die USA besonders exportorientiert ist, sich selbst aber nicht öffnen will.

Mit dieser Initiative provoziert die EU-Kommission nicht nur neue Liberalisierungsforderungen der USA, sondern sie schickt sich an, das öffentliche Gut höherer Bildung für ein Linsengericht zu verscherbeln: nämlich für die Möglichkeit des schrankenlosen Handels mit anderen, aus EU-Sicht vielleicht lukrativeren Dienstleistungen. Die Folge wäre eine weitere Privatisierung und Kommerzialisierung des europäischen Bildungsraums, bevor dieser sein spezifisches und vielfältiges Potential entfalten kann.

Davor warnt auch die European University Association (EUA) als Dachverband von 600 europäischen Hochschulen und 32 Hochschulrektorenkonferenzen. Gemeinsam mit amerikanischen und kanadischen Hochschulverbänden erklärte die EUA schon im September 2001: "Höhere Bildung dient dem öffentlichen Interesse und ist keine ´Ware´". Die Verbände rieten ausdrücklich davon ab, dass europäische Länder sich im Rahmen des GATS-Abkommens zu weiteren Handelsliberalisierungen im Bildungssektor verpflichten.

Sie selbst, Frau Ministerin, haben in einem Artikel (FR, 8. Juli 2002) davor gewarnt, Bildung zu einer Handelsware zu machen.

Wir bitten Sie daher, die Öffentlichkeit über den Deutschen Bundestag umgehend über alle Vorgänge zu informieren, die hier hinter verschlossenen Türen von der EU-Kommission vorbereitet werden. Auf dem Spiel steht der Fortbestand eines öffentlichen, nicht-kommerziellen und nicht privatisierten höheren Bildungssektors!


Unterzeichnerinnen und Unterzeichner

  1. Dr. Wolfgang Adamczak, Forschungsreferent, Universität Kassel
  2. Prof. Dr. Stefan Aufenanger, Universität Hamburg
  3. Prof. Dr. Johannes Bastian, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg
  4. Horst Bethge, Bildungspolitischer Sprecher der PDS Hamburg, Mitglied im geschäftsführenden Landesvorstand der GEW Hamburg
  5. Torsten Bewernitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft, Universität Münster
  6. Dr. Stefan Bollinger, Dozent in der Erwachsenenbildung, Berlin
  7. Angela Büchler, Studentin, TU Berlin, Berlin
  8. Torsten Bultmann, Landesfachgruppenausschuss Hochschule und Forschung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft NRW, BdWi-Geschäftsstelle Bonn
  9. Prof. Helene Decke-Cornill, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg
  10. Prof. Dr. Dankwart Danckwerts, Professor für Soziologie und Sozialpädagogik, Universität Duisburg
  11. Dipl.-Ing. Ute Detlefsen, Allgemeine Studienberatung, TU Berlin
  12. PD Dr. Edith Glaser, Vertretungsprofessorin, Universität Dortmund, Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft und Berufspädagogik
  13. Fritz Gloede, Forschungszentrum Karlsruhe, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
  14. Prof. Dr. Ingrid Gogolin, Universität Hamburg, 1998-2002 Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)
  15. Prof. em. Dr. Carl-Ludwig.Furck, Universität Hamburg, Vorsitzender der Strukturkommission des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)
  16. David Hachfeld, Attac GATS-Kampagne
  17. Prof. Dr. Franz Hamburger, Universität Mainz
  18. Karl-Heinz Heinemann, Bildungsjournalist, Köln
  19. Manuel Heinrich, Justus-Liebig-Universität Gießen, Präsidialbüro
  20. Prof. Dr. Jürgen Helmchen, FB Erziehungswissenschaft und Sozialwissenschaften, Universität Münster
  21. Ursula Herdt, Frankfurt am Main, Vorstandsmitglied Organisationsbereich Berufliche Bildung und Weiterbildung, GEW Bundesvorstand
  22. Dr. Andreas Hoffmann, wissenschaftlicher Assistent, Pädagogisches Seminar, Universität Göttingen
  23. Marc Kaulisch, Berlin, Bundesvorstandsmitglied des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi)
  24. Dr. Andreas Keller, Diplom-Politologe, Mitglied im BdWi-Bundesvorstand
  25. Sabine Kiel, Laatzen, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschafts-, Hochschul- und Technologiepolitik von Bündnis 90/ Die Grünen
  26. Dr. Christoph Klein-Brabender, Universität Tübingen, Leiter des Vorstandsbereichs Hochschule & Forschung der GEW Baden-Württemberg
  27. Prof. Dr. Clemens Knobloch, FB Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften, Universität Siegen
  28. Prof. Dr. Hans-Jürgen Krysmanski, Universität Münster
  29. Dr. Konrad Leitner, Wissenschaftlicher Angestellter, Technische Universität Berlin
  30. Prof. Dr. Georg Lind, Fachbereich Psychologie, Universität Konstanz
  31. Godela Linde, Gewerkschaftssekretärin DGB Marburg
  32. Alexandra Lobenwein, Studienbibliothek der Pädagogischen Akademie Klagenfurt
  33. Prof. Dr. Ingrid Lohmann, Universität Hamburg
  34. Christian Maertins, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
  35. Prof. Dr. Eva Matthes, Lehrstuhl für Pädagogik, Universität Augsburg
  36. Prof. Dr. Christine Mayer, FB Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg
  37. Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp, Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik, Universität Düsseldorf, Vorsitzende der Sektion Historische Bildungsforschung der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)
  38. PD Dr. Axel Nath, Universität Lüneburg, Institut für Pädagogik
  39. Wolfgang Neef, Technische Universität Berlin, Zentraleinrichtung Kooperation
  40. Prof. Dr. Wolfgang Nitsch, FB Erziehungswissenschaft Universität Oldenburg, BdWi-Bundesvorstand
  41. Prof. Dr. Harro Plander, Universität der Bundeswehr Hamburg
  42. Prof. em. Dr. Helmut Peukert, Münster
  43. Dr. Ursula Peukert, Münster
  44. Dr. Sigrid Quack, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
  45. Hannelore Reiner, Technische Universität Berlin, Mitglied im Bundesfachbereichsvorstand Bildung, Wissenschaft und Forschung von ver.di
  46. Prof. Dr. Lutz R. Reuter, Universität der Bundeswehr Hamburg
  47. Prof. Dr. Rainer Rilling, Universität Marburg und Rosa Luxemburg Stiftung Berlin
  48. Margit Rodrian-Pfennig, Oberstudienrätin i. H. am Fachbereich 03, Goethe-Universität, Frankfurt/Main,
  49. Prof. Dieter Rucht, Soziologe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
  50. Prof. Dr. Jörg Ruhloff, Lehrstuhl für Historische und Systematische Pädagogik, Universität Wuppertal
  51. Dr. Thomas Sablowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
  52. Prof. Dr. Barbara Schenk, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg
  53. Martina Schmerr, Frankfurt am Main, Gewerkschaftsreferentin, GEW
  54. Matthias Schmitz, Student der Erziehungswissenschaft, Universität Münster, Mitglied des Bundes demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi)
  55. Dr. Karsten Schneider, Universität Kassel
  56. Oliver Schöller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin
  57. Prof. Dr. rer. nat. Udo Simon, Mathematiker, Technische Universität Berlin
  58. Dr. Claudia Stellmach, Medizinsoziologin, Bonn
  59. Dr. Monika Stiegler, Leiterin der Bildungspolitischen Abteilung Kammer für Arbeiter und Angestellte für Steiermark, Österreich
  60. Prof. Dr. jur. Gerhard Struck, Fachbereich Rechtswissenschaft, Universität Hamburg
  61. Dipl.-Soz. Christina Teipen, Berlin, wissenschaftliche Mitarbeiterin
  62. Claudia Temps, Rostock
  63. Ulrich Thöne, Landesvorsitzender der GEW Berlin
  64. Axel Tröster-Grönig, Landesbezirksfachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung, ver.di Berlin/ Brandenburg
  65. Eva-Maria Vering, Forschungsstelle Georg Büchner, Universität Marburg
  66. Prof. Dr. Wolfram Weiße, FB Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg
  67. Prof. Dr. Michael Wimmer, FB Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg
 

weitere Unterzeichnerinnen und Unterzeichner

Rainer Albrecht, Direktor der Volkshochschule Unterland im Landkreis Heilbronn
Dipl.-Ing. Wulf-Holger Arndt, Technische Universität Berlin, Institut für Land- und Seeverkehr, Fachgebiet Integrierte Verkehrsplanung
Herbert Becke, Garching bei München, Leiter der Volkshochschule im Norden des Landkreises München
Angelika Becker, Berufsschullehrerin, Marburg
Prof. Dr. Martin Bennhold, Rechtssoziologe und Politikwissenschaftler, Universität Osnabrück
Gerd Buddin, Stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft ver.di Berlin
Prof. Dr. Alfons Cramer, Institut für Soziologie der Universität Münster
Klaus Denfeld, GEW-Kreisverband Marburg-Biedenkopf
Volker Eichstedt, Gröben, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin
Sabine Esch, Dipl.-Psych., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Technische Universität Berlin, Differenzielle und Persönlichkeitspsychologie
W. Goertsches, Leiter der Volkshochschule Backnang
Barbara Groendahl, Lehrerin, Marburg
Dr. Helmut Haupt, Direktor der Volkshochschule Freiburg
Manfred Huth, Lehrer, Hamburg
Karla Kamps-Haller, Leiterin Zentrale Arbeitsstelle für wissenschaftliche Weiterbildung der Fachhochschule Wiesbaden
Prof. Dr. Dieter Kirchhöfer, Hennigsdorf
Kreisvorstand Marburg der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Simone Kulik, Lehrerin und Pädagogische Mitarbeiterin der VHS Unterland im Landkreis Heilbronn
Prof. Dr. theol. Gerhard Marcel Martin, Philipps Universität Marburg, Fachbereich Ev. Theologie
Bernhard Nolz, Sprecher der "Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden", Geschäftsführer des Zentrums für Friedenskultur Siegen
Prof. Dr. Sven Papcke, Institut für Soziologie, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Personalrat des Hochschulbereichs der Humboldt-Universität zu Berlin, Vorsitzender Dr. Rainer Hansel
Plenum von attac Marburg
(im Konsens)
Prof.em. Dr. Wolfgang Popp, Universität Siegen, Leiter des Zentrums für Friedenskultur Siegen
Steffi Robak, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Justus-Liebig-Universität Gießen, FB Sozial- und Kulturwissenschaften, Fachgebiet Erwachsenenbildung
Dr. Christa Schulze, Fachbereich Psychologie der Universität Marburg
Mag. Walter Schuster, Pädagogischer Assistent der Volkshochschule Simmering, Wien
Prof. Dr. Hans See, Vorsitzender der Aufklärungs- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control
Professor Dr. Gert Sommer, Fachbereich Psychologie, Universität Marburg
Andreas Staets, Marburg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, GEW-Sekretär
Mag. Gerhild Strappler, Volkshochschule Bludenz
Gitta Sünkel-Mikus, Leiterin der Volkshochschule Schweinfurt
Dr. habil. Rainer Thiel, Hochschuldozent em., Bugk
Mechthild Tillmann, VHS-Leiterin, Volkshochschulzweckverband Rhein-Sieg, Siegburg
Prof. Dr. Hans Treichel, Potsdam
ver.di-Betriebsgruppen-Vorstand an der TU Berlin: Achim Jäckel, Michaela Müller-Klang, Hanne Reiner, Gudrun Rogge, Martin Roski

website Ingrid Lohmann, 30. Oktober 2002. Letzte Ergänzung: 11.12.2