Virtualisierung
und Kommerzialisierung der Bildung

Florian Rötzer
25.06.1998
Bildung ist nicht nur ein "Megathema"
der Wissensgesellschaft, sondern auch ein Megamarkt
Im Land der digitalen Revolution wächst
mit der Virtualisierung der Ausbildung jetzt auch die Kritik. So haben
Mitte Juni über 800 Professoren der University of Washington
einen offenen Brief an Gov. Gary Locke unterzeichnet, in dem sie ihre
Sorge angesichts der Begeisterung zum Ausdruck bringen, mit der dieser
die Ausbildung auf CD-ROMs und das Internet umzustellen beabsichtigt.
Im kanadischen Toronto streikten im letzten Jahr gar Professoren
und erreichten, ihre Kurse weiterhin offline halten zu können.
Virtualisierung bedeutet nicht nur die Möglichkeit von Telelernen,
sondern gleichzeitig auch die fortschreitende Kommerzialisierung
der Bildung, die nach der Gesundheit zum nächsten großen
Markt werden könnte. "Das ist keine bloße Angst
der Technologie als solcher. Wir sind über die Kommerzialisierung
des Campus besorgt", sagte einer der Mitunterzeichner. Das
ist in Nordamerika zwar sowieso anders als in Deutschland, aber
die jetzt entstehenden Konflikte können auch bald hierzulande
einsetzen.
Auch in Großbritannien werden neue
Formen der Schulausbildung als "Experimentierfeld für
das Schulsystem des nächsten Jahrhunderts" erprobt. Sogenannte
education
action zones, die über ein Programm wie Schulen ans Netz
weit hinausgehen, erhalten zusätzlich extra 3 Millionen Pfund,
um die Ausbildungsstandards durch neue Curricula, Spezialisierung,
berufsnahe Ausbildung, längere Schulzeiten, Sommerschulen,
Familienzentren, andere Lehrergehälter, Heranziehung anderen
Personals zum Unterricht und vor allem auch die Beteiligung von
Unternehmen an den Schulen zu heben. Shell, MacDonald's, IBM, Rolls
Royce, Kellog's, Anerican Express, British Telecom oder Financial
Times sind die neuen Partner der 25 ausgewählten Bezirke mit
insgesamt 500 Schulen. Sie sollen, wie Erziehungsminister David
Blunkett sagt, nicht nur Geld geben, sondern auch ihre Erfahrung
und ihren Rat in die Foren einbringen, in denen sie neben den Eltern,
Schulvertretern und Behörden sitzen und die action zones organisieren.
Die Lehrergewerkschaft sperrt sich nicht gegen das Experiment, aber
sie warnt davor, daß man die Ausbildung nicht zu sehr von
der Industrie abhängig machen sollte. Offenbar wurde versichert,
daß die beteiligten Unternehmen daran nichts verdienen dürfen.
Natürlich werden die Schulen der action zones auch technisch
aufgerüstet. Es werden Netzwerke, Videokonferenzsysteme und
Cybercafes eingerichtet. Manche sollen Laptops für das Lernen
Zuhause erhalten. Einige Zonen wollen computerbasiertes Lernen und
interaktive Hausarbeiten einführen. Sogar Smartcards sind vorgesehen,
um den Fortschritt der Schüler verfolgen zu können. Auf
jeden Fall soll sich viel verändern: als Kampfansage an den
Status quo und die Abwehr des Neuen werden denn auch die action
zones vom Bildungsministerium verstanden.
Mit der Virtualisierung wächst
auch die Kritik
Die zuvor erwähnten Proteste der amerikanischen
Professoren richten sich nicht prinzipiell gegen den Einsatz der
neuen Medien, sondern vorwiegend gegen eine übertriebene Emphase
und die dahinter versteckte Motivation, durch die Virtualisierung
noch weitergehende Einsparmaßnahmen zu erzielen und die Bildung
zu einem neuen Markt für Unternehmen zu machen, der große
Gewinne zu versprechen scheint.
Auch wenn kostspielige Phantasien dieser
Art eine den Mund wässrig machende Bonanza für Softwarehersteller
und andere privatwirtschaftliche Sponsoren darstellen, sind
sie für die Ausbildung nahezu vernichtend. Ausbildung
ist nicht auf das Herunterladen von Information zu reduzieren. |
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Aufgeschreckt wurden die Professoren durch den Abschlußbericht
einer Diskussion von Universitätsprofessoren und -präsidenten,
die von Coopers
& Labrand, einem Finanzdienstleistungsunternehmen, organisiert
und jüngst als "Botschaft" an die heutigen Führungskräfte
der höheren Ausbildungsinstitutionen im Netz veröffentlicht
wurde. Der Tenor dieser Diskussion über die "Transformation
der Ausbildung im digitalen Zeitalter" ist ziemlich eindeutig:
Neue Lerntechnologien werden den gesamten Ausbildungssektor verändern.
Die Studenten erwarten angeblich die Bereitstellung von diesen Technologien
für eine flexiblere Angebote in der Ausbildung, die so einfach
zu bedienen sind wie Geldautomaten. Überdies geht man im nächsten
Jahrzehnt von einer wachsenden Menge an Menschen aus, die nach mehr
Ausbildung verlangen. "Lebenslanges Lernen", Bedarf an
höheren Qualifikationen und die "echo boomer", die
heute 10-19jährigen, sollen den Markt für höhere
Ausbildung zunehmend schnell wachsen lassen. Und dann würde
der Einsatz von Technologien anstatt von "Ziegelsteinen und
Mörtel" die existierenden Colleges und Universitäten
in einen härteren Kampf um Gelder und Lernwillige durch neue
Konkurrenten auf dem Bildungsmarkt bringen
"Lernsoftware kann leicht", so der Bericht, "die
an der Universität stattfindende Ausbildung ersetzen oder zumindest
ein wesentlicher Bestandteil des Vermittlungssystems sein."
Unlängst hat David Noble, Professor
an der kanadischen York University und Mitbegründer der "National
Coalition for Universities in the Public Interest", eine scharfe
Kritik unter dem Titel Digital
Diploma Mills gegen den Trend verfaßt, die Ausbildung
zu virtualisieren. Ein Ergebnis sei nämlich die mit der Virtualisierung
einhergehende Kommerzialisierung und "Automatisierung"
der Lernprodukte: "Das ist überhaupt kein progressiver
Trend, der zu einem neuen Zeitalter führt, sondern ein regressiver
Trend zu einem ziemlich alten Zeitalter der Massenproduktion, der
Standardisierung und der rein kommerziellen Interessen." Eingeführt
werde die Virtualisierung der Ausbildung denn auch von oben nach
unten, was die neue Kampflinie markiere: die Universitätsverwaltung
und ihre kommerziellen Partner gegen die Professoren und Studenten,
die nicht gefragt und an Entscheidungsprozessen beteiligt werden.
Natürlich spricht man gerne, wenn es um Computer geht, von
der Personalisierung, doch der Bericht scheint eher Noble Recht
zu geben, wenn hier etwa gesagt wird, daß die Herstellung
von nur 25 Softwarekursen für 80 Prozent aller zentralen Universitätskurse
dienen könnte. Man geht davon aus, daß die Herstellung
von Ausbildungssoftware in hoher Qualität, durch die sich eine
Vorlesung an der Universität ersetzen ließe, pro Kurs
etwa drei Millionen kosten würde. Das wäre dann tatsächlich
ein Massenprodukt und würde landes- oder sogar weltweit einen
Standard einführen - und Unterschiede nivellieren.
Mit der Einführung von Lernsoftware
und privaten Teleuniversitäten wie die University
of Phoenix mit bereits 48000 Studenten oder Ausbildungsangeboten
für betriebliche Weiterbildung bzw. das überall geforderte
"lebenslange Lernen", das in der "Wissensgesellschaft"
einen entscheidenden Sektor des neuen Ausbildungsmarktes darstellen
soll, entstünde auch ein Druck seitens der neuen Konkurrenten
auf die alten Institutionen, zumal wenn bislang bestehende Restriktionen
aufgehoben und staatliche Gelder auch in andere Kanäle fließen
sollten. Ganz allgemein seien "traditionelle Universitäten"
nicht mehr nötig, weil verteiltes Lernen überall stattfinden
könne, für das zudem nur weniger Professoren notwendig
seien, aber das gleichzeitig einen riesigen Markt an Studenten erreichen
könne. So paßt denn auch die Virtualisierung genau in
die Bemühungen der Staaten, Kosten und Stellen im Ausbildungssektor
zu reduzieren. Eine Vorlesung in einem Hörsaal scheint zudem
gegenüber dem verteilten Lernen höchst ineffizient zu
sein.
In der Zukunft wird eine Institution
der höheren Ausbildung ein wenig einem Fernsehsender
gleichen. |
| Mike Leavitt, Gouverneur
von Utah |
Noble sieht die Virtualisierung als Fortsetzung des Trends, die
"intellektuelle Aktivität in intellektuelles Kapital und
folglich intellektuelles Eigentum" zu verwandeln. In der ersten
Phase öffneten sich die Universitäten gegenüber dem
Markt und wurden zum Ort der Herstellung von Patenten und Lizensen,
während sie jetzt zum Ort der Produktion von sowie zum Hauptmarkt
für Videos, Lernsoftware und Web-Sites mit Copyright würden,
kurz: die Ausbildung wird ganz und gar zur Ware. Und das unter dem
Versprechen, die Krise der Ausbildung, eingeleitet durch ständige
Kürzungen des Haushalts, zu lösen. Noble ist jedoch der
Überzeugung, daß computerbasiertes Lernen im Gegensatz
zu den Versprechungen eher mehr Zeit und Geld kostet als die herkömmliche
Bildung. Aber weil es um einen Markt von einigen Hundert Milliarden
Dollar gehe, treiben die Anbieter von Hardware, Software und "content"
die Virtualisierung voran, während die Mitglieder der Universiätsverwaltungen
hoffen, damit ein Stück vom Kuchen für sich abzuschneiden,
indem sie angeblich Kosten reduzieren und selbst als Anbieter von
Software auftreten.
Die Möglichkeiten, in einigen Bereichen
die menschliche Vermittlung aufzugeben und sie durch Automation
- intelligente, computerbasierte und netzbasierte Systeme
- zu ersetzen, sind gewaltig. Das wird auch passieren. |
| Robert Heterich, Präsident
von Educom |
Als Produzenten von kommerzieller Ausbildungssoftware,
fürchtet Nobel, die akademische Freiheit verteidigend, würden
die Professoren den Zwängen der industriellen Produktion unterworfen,
während Überwachung, Leistungskontrolle oder vielleicht
sogar Zensur seitens der Verwaltung gefördert werden, wenn
Fakultäten und Kurse online sind. Zumindest am Anfang werden
die Studenten häufig als Versuchskaninchen für die Entwicklung
der Software mißbraucht. Weil die Hersteller die Daten der
Versuchskaninchen benötigen, wurde in Kanada beispielsweise
die gesamte Online-Aktivität überwacht, abgespeichert
und den Anbietern zur Verfügung gestellt. Die Frage des Datenschutzes
sei bislang jedenfalls ebensowenig geklärt wie die möglichen
Rechte der Studenten an dem, was sie mit einer Software etwa erarbeitet
haben. Zudem befürchtet Noble ganz standesegoistisch, daß
Angebote, wenn sie einmal fertiggestellt und online sind, aus den
Händen der Professoren in die der Verwaltung übergehen,
die dann mit den vorgefertigten Kursen in der Lage wäre, auch
billigere und weniger gut ausgebildete Lehrkräfte einzustellen.
Überdies hätten die Studenten, wenn man ihnen eine Wahl
angeboten hatte, bislang wie in Nobles Universität York oder
an der UCLA diese Projekte zurückgewiesen, natürlich besonders
dann, "wenn sie dafür bezahlen sollten (die Definition
einer wirklichen Nachfrage, d.h. eines Marktes)." Die Studenten
seien nicht "cyber-happy", sie wollen nach Noble eine
Face-to-face-Ausbildung, für die sie gezahlt haben, und keinen
Cyberersatz.
Zum Thema des intellektuellen Eigentums bei der Virtualisierung
von Universitäten siehe auch den Aufsatz The
Coming Battle Over Online Instruction von David Noble. Elisabeth
Binder hat noch weitere Hinweise gegeben: Dabei wäre die CETI
Initiative innerhalb des California State University Systems besonders
hervorzuheben, aus der sich Microsoft erst kürzlich zurückgezogen
hat. Mehr darüber in der sehr amüsanten Anti-CETI
Page eines Professors an der San Francisco State University.
Inzwischen sind auch einige US Bundesstaaten im digitalen Delirium
angelangt, was die Hardwareausstattung von öffentlichen Schulen
betrifft. Ein ganz guter Artikel dazu ist Push
to Trade Class Textbooks for Laptop PCs Is a Misuse of Technology.