Pressemitteilung der TU Darmstadt: Informationsdienst Wissenschaft (idw), 12.04.2000
Braucht die Wissenschaft die Verlage noch?Expertenrunde diskutiert an der TU Darmstadt den Strukturwandel im wissenschaftlichen Publikationswesen. Deutsche Fachgesellschaften wollen stärkeren Einfluss
Die Zeiten, in denen Wissenschaftler ihre Erkenntnisse der Oeffentlichkeit "schwarz auf weiss" kundtaten, neigen sich dem Ende entgegen. Heute wird, vor allem in den naturwissenschaftlichen Disziplinen, bereits vielfach elektronisch veröffentlicht. Unter dem Einfluss der digitalen Medien und der globalen Vernetzung verändert sich das wissenschaftliche Publikationswesen mit Riesenschritten.Werden Verlage, Bibliotheken und Dokumentationsinstitute bald überflüssig? Wenn ja: Wer erfüllt dann ihre bisherige Rolle im wissenschftlichen Publikationswesen? Über diese und eine Reihe weiterer Fragen diskutierten internationale Experten bei der Global Info Podiumsdiskussion "Perspektiven des wissenschaftlichen Publizierens" im Rahmen des Frühjahrstreffens der Initiative "Wissenschaftliche Information und Kommunikation" (IuK-Initiative). Professor Dr. Rudi Schmiede vom Institut fuer Soziologie der Technischen Universitaet Darmstadt hatte dazu im Auftrag der Deutschen Gesellschaft fuer Soziologie (DGS) eingeladen. Die IuK-Initiative ist ein gemeinsames Forum von zehn deutschen Fachgesellschaften (siehe unten), die sich zum Ziel gesetzt haben, die neuen Chancen des schnellen, interaktiven, weltweiten Informationsaustausches positiv für die gesamte Wissenschaft zu nutzen und gleichzeitig einem Informations-Chaos im Netz entgegenzuwirken. Global Info ist ein Förderkonzept des Bundesforschungsministeriums (bmb+f) zur Verbesserung der Informationsversorgung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an ihrem Arbeitsplatz. Aus Mitteln dieses Programmes werden deutsche Forschungs- und Entwicklungsprojekte zum Aufbau einer interdisziplinären, globalen, digitalen Bibliothek gefördert.
Die Diskussion auf dem mit drei Amerikanern, zwei Holländern, einem Engländer und zwei Deutschen international besetzten Podium zeigte deutlich, wie wenig einheitlich die Konzepte für die Neuorganisation noch sind. Die Standpunkte reichten von der Auffassung, daß das Verlagsgeschaeft ein marktwirtschaftliche Aufgabe sei, keine wissenschaftliche, bis zur Argumentation, das wissenschaftliche Publikationswesen der Zukunft könne ohne unabhängige, kommerzielle Verlage auskommen. Akademisches Publizieren sei eine Aufgabe der Fachgesellschaften. Sie sollten die Eigentumsrechte und die Kontrolle über die Bereitstellung und Verbreitung des Fachwissens übernehmen.
Unter dem Motto "Information, Knowledge and Knowledge Management" standen fachübergreifende technische, methodische und organisatorische Fragen des globalen elektronischen Informationsaustausches sowie Projektpräsentationen der beteiligten Fachgesellschaften zur Diskussion. Im technischen Bereich ging es vor allem um intelligente Software zum automatischen Sammeln und Ordnen von Information im Internet. Der methodischen Teil beschäftigte sich mit Semantik fürs Netz. Bei den Organisations- und Dokumentationsfragen bestimmten die Bemühungen um ein einheitliches Metadatensystem den Arbeitsplan, das heißt, die Schaffung gemeinsamer bibliografischer Ordnungskriterien für alle elektronisch publizierten wissenschaftlichen Dokumente.
Die Fachgesellschaften in der IuK-Initiative: Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV), Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh), Gesellschaft fuer Informatik (GI), Gesellschaft fuer Didaktik der Mathematik (GDM), Deutsche Gesellschaft fuer Erziehungswissenschaft (DGfE), Deutsche Gesellschaft fuer Psychologie (DGPs), Deutsche Gesellschaft fuer Soziologie (DGS), Informationstechnische Gesellschaft (ITG), Verband deutscher Biologen (VDBiol).
website: Ingrid Lohmann. Letzte Änderung: 23. Mai 2000