| BANDJOUN: EINE BAMILEKE-CHEFFERIE | ||
| Kontext einer Schulreform | ![]() |
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| Von Michel Foaleng, Bandjoun / Hamburg (2000) | Zur Ansicht bitte auf das Bild klicken. |
Wo Bandjoun liegt:
Kamerun, ca. 14 Mio. Einwohner, setzt sich aus 10 Provinzen zusammen, die ihrerseits in Departements untergliedert sind. Es gib vielfäftige kulturelle Völkergruppen, die als Ethnien geordnet werden. Die Bamiléké stellen im Kamerun der Ethnien eine der wichtigsten Völkergruppen dar. Ihr Gebiet ist in der Westprovinz angesiedelt und unterteilt sich administrativ in 7 Departements. Das Bamiléké-Land, wie es genannt wird, ist ein Anteil des Graslands Kameruns und bildet sich soziopolitisch aus circa 102 Chefferien.
Im Gegensatz zu einem Stamm, bildet sich eine chefferie aus unterschiedlichen Lineages, also Familiengruppen unter denen keine Verwandtschaftsbeziehung besteht. Eine chefferie ist ein soziales und politisches Gebilde, das traditionell eigene macht-politische Strukturen besitzt und nach einem autonomen Prinzip funktioniert. Die politischen Strukturen einer chefferie verweisen traditionell, ungeachtet dessen Größe, des religiösen Universums sowie der tiefgreifenden Symbolik des allgemeinen sozialen Lebens, auf die eines modernen Staates. Die chefferie ist traditionell mit einem Verwaltungsapparat ausgerüstet. Dem Begriffsgebrauch wohnt aber eine Mehrdeutigkeit inne. Außer dem ethnologischen Verständnis, welches chefferie als konstituierte Macht herausstellt, weist er zunächst auf zweierlei Wirklichkeiten hin: Einmal bedeutet er zugleich das Territorium, das einer Macht unterstellt ist; andermal wird mit dem Begriff chefferie spezifisch der Sitz dieser Macht bzw. der Wohnort des Machtinhabers bezeichnet. Eine weitere Bedeutung entspringt der religiösen Symbolik, die den Begriff prägt, denn die chefferie ist für die Bamiléké nicht nur ein Ort oder ein politisches System, viel eher lebt der Begriff von einer Glaubensvorstellung, welche für die Bamiléké identitätsstiftend ist. In der Bamiléké-Sprache ghomaíla werden, um diese letzte Bedeutung aufrechtzuerhalten und auch nicht zuletzt, um die begriffliche Verwirrung zu vermeiden, unterschiedlichen Begriffe gebraucht: ntsa (chefferie) bezeichnet den Sitz der traditionellen politischen Institutionen. Goung (Land) bezeichnet das Territorium, wobei dieser politisch gebrauchte Begriff von dem volkstümlich psychologisch gebrauchten Begriff des laía (Dorfes) unterschieden wird, obwohl beide semantisch derselben Sachverhalt aufweisen. Um weitere Verwirrung zu vermeiden, wird es im Folgenden vom "Dorf" statt vom "Land" die Rede sein, wenn es um ein Territorium geht und den Begriff chefferie im Sinne vom ntsa benutzt.
Wie die Bandjouner selbst sagen, ist Bandjoun ein Dorf. Aber es ist ein Dorf, das sich auf 274 km2 ausdehnt, worauf etwa 100.000 Menschen leben. Damit ist es auch das größte Bamiléké -Dorf. Bandjoun, "Stadt von ungeheurer Ausdehnung", wie ein deutscher Missionar es einst bezeichnete, setzt sich eigentlich aus einer Stadt und vielen Dörfer zusammensetzt. In jener Stadt, welche bloß "Zentrum" (des Dorfes) genannt wird und welche aus mehreren quartiers Bandjouns besteht, sind die meisten Dienstellen des öffentlichen Lebens: Präfektur, Unterpräfektur, Post, Kommissariat, Gendamerie, mairie (Rathaus), Stadion, Gymnasium, Hotels, Tankstelle, Banken, Geschäftsläden usw. Aber außerhalb des Zentrums gibt es andere wichtige öffentlichen Dienstelle wie die Technologiehochschule, die staatlichen und kirchlichen Krankenhäuser, einige Sekundarschulen und vor allem die vielen Kirchen und Primarschulen, die es quasi in jedem quartier gibt. So sind die quartiers ihrerseits Dörfer in dem Sinne, dass die meisten von ihnen eigene Einkaufsorte haben und zum Teil ähnliche traditionelle Strukturen wie Bandjoun selbst besitzen.
Wie aus dem Namen hervorgeht1 setzt sich das Bandjoun-Volk ursprünglich aus unterschiedlichen Völkergruppen zusammen. Der Legende zufolge wurde es vor circa drei Jahrhunderten von einem Jäger mit dem Namen Notchwegom gegründet, der aus der entfernten chefferie von Baleng stammte. Er tat dies, indem er die Herrscher der damals vorgefundenen Volksgruppen unterwarf und sich von ihnen als Oberherrscher anerkennen ließ. Dann kaufte er aus den Erlösen seiner Jagdbeute Sklaven, die er sich dort niederlassen ließ. Seine Nachfolger verfolgten dieselbe Politik, aber vor allem führten sie Kriege gegen Nachbarn, um die Grenzen Bandjouns auszudehnen. Bis zur Ankunft der Deutschen, Ende des 19. Jahrhunderts, waren die Grenzen im Bamiléké-Gebiet noch nicht festgelegt, wobei die Herrscher bestrebt waren, Kontrolle über Menschen und Lande zu haben. Durch die Ankunft der Europäer wurden einige Dörfer von der Herrschaft Bandjouns befreit, und es wurde die heutigen Grenzen festgelegt.
Bandjoun liegt über dem zentralen Hochland, östlich der Bamiléké-Region, in einer durchschnittlichen Höhe von 1400m. Auf dieser Höhe herrscht ein vorteilhaftes Klima, zum einen für die Gesunhheit hinsichtlich tropischer Krankheiten und zum anderen agrarwirtschaftlich ein vielfältiges System erlaubt, das von Cash-crop-Anbau des Arabica-Kaffee bis hin zu Subsistenzanbau der Kartoffel geht. Es gibt zwei Jahreszeiten: Die Regenzeit beginnt in März, erreicht ihren Höhepunkt in August und endet in Oktober; die Trockenzeit geht von November bis März, mit Tiefsttemperaturen nachts im Dezember und Januar und den höchsten Temperaturen tagsüber.
Bandjoun ist administrativ im Departement des Nkoung-Ki eingeordnet, dessen "Hauptort" es ist. Dieses Departement umfaßt das Nachbardorf Bayangam, ein arrondissement und Bandjoun selbst, wobei dieses in arrondissement in Poumougne und District von Djebem unterteilt werden. Es grenzt an den Fluss Noun, der es vom Königreich Bamoun trennt, sowie an acht andere Dörfer, darunter Bafoussam, einer der Großstädte Kameruns und Hauptstadt der Provinz. Bandjoun-Zentrum wird von zwei der wichtigsten Landestraßen durchquert: Die route nationale Nr. 4, die Bafoussam es möglich macht, Yaoundé, die Landeshauptstadt, in gut 3 Stunden zu erreichen und die route nationale Nr. 3, eine streckenweise schlecht befahrbare Straße, die Bafoussam und die etwa 250km entfernte Hafenstadt Douala verbindet.
Neben dem postkolonialen administrativen Apparat gibt es Strukturen, welche, verbunden mit dem eher ländlichen Lebensstil des Ortes schnell dazu verleiten können, Bandjoun unter der Kategorie der "traditionellen Gesellschaften" einzuordnen. Die Bamiléké-Gesellschaften allgemein sind durch ihr hierarchisch strukturiertes aber gleichwohl dynamisch soziales System gekennzeichnet, das besonders von drei Faktoren geprägt wird: das traditionelle Verwaltungssystem sowie die machtspolitischen Strukturen, das Sozialisation- und das Allianzsystem.
1. Traditionelle soziale Organisation
a) Das Land, der Chef und das Volk
Bandjoun teilt sich traditionell in sieben jie (Provinzen)2: jie míguo, jie sè, jie leng, jie thegherm, jie ngkouo, jie s , jie mbem. Die jie setzen sich aus einer Vielzahl von Unterchefferien (sous-chefferies) und quartiers zusammen. Alle jie grenzen beinahe an das quartier Hiala, dem quartier des Machtinhabers, also jenem wo die chefferie als Machtzentrum implantiert ist.3
Die quartiers und sous-chefferies setzen sich aus den Anwesen verschiedener Familien- bzw. chefs du lingage zusammen. Sie werden meist in sous-quartiers unterteilt. Während häufig eine Naturgegebenheit (Fluss) die quartiers voneinander trennt, sind die Familienanwesen durch einen Zaun getrennt. Ein Anwesen besteht aus einer Vielzahl einzelner Häuser, die entweder die/das des Familienchefs und die seiner Frauen oder die der Gebrüder, je nach Familengröße sein können.
Das individuelle Haus ist die kleinste Einheit in der räumlichen Ordnung. Es ist aber immer einem familiären Anwesen eingefügt, denn wegen der traditionellen Unveräußerlichkeit des Bodens sind die Anwesen nur von Verwandten bewohnt. So stehen die Bewohner eines Anwesens unter der Herrschaft des chefs du lineage bzw. des Nachfolgers des Gründers. Die chefs de quartiers und sous-chefs sind die Vorsteher der quartiers bzw.der Unterchefferien. Die taíjie sind die Provinzsprecher, eine Art Delegierte des Dorfoberhaupts, die für die 7 Regionen verantwortlich sind. Sie wohnen alle in der chefferie und müssen von da aus jeden Tag früh in die jeweilige Region hineinspazieren, um Nachrichten zu sammeln oder Anweisungen des Chefs zu erteilen. Der taíjie ist auch eine Art Polizist und Richter, der dementsprechend für Ordnung in seiner Region sorgt. Die nwala sind eine Art Innen- (nwala si sie) oder Außenminister (nwala kaí). Der Chef, Fo genannt, ist das Oberhaupt von Bandjoun als auch für die Bandjouner Diaspora.
Als Nachfolger des Gründers hat der Chef das Vorrecht auf den Boden des gesamten Territoriums. Es gilt jedoch nicht seiner persönlich privaten Nutzung, sondern es ist seine Aufgabe, das Land zu verteilen. Das schon besetzte Land bleibt im Besitz einer Familie, und dessen Chef soll dieses an den (männlichen) Nachwuchs verteilen. Ferner bestimmt der Chef die chefs de quartier mit, ernennt die taíjie und vergibt Ehrentitel, mit denen man zu einem notable (Würdenträger) aufgrund hervorragender gesellschaftlicher Leistung wird. Außer den sozio-administrativen Aufgaben ist der Chef sowohl eine religiöse Figur als auch die wichtigste Instanz der Tauschbeziehungen. Die Einverleibung des Chefs und nicht etwa der chefferie als Machtsystems in dem modernen politisch-administrativen Apparat Kameruns hat zwar zur Sicherung der sozio-politischen Stellung des Chefs beigetragen, jedoch das Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Machtinstanzen zum Bröckeln gebracht. Der Apparat mit den dazu gehörigen Posten besteht weiterhin, aber ohne "dynamischen Animateuren" wie der Chef selbst zu erkennen gibt.
b) Das Volk, das Königsreich und die Macht
- der Chef und seine Leute:
Es wird zwischen der neífo, der königlichen Familie und dem Volke unterschieden. Dies stellt die die Untertanen dar, jener obliegt, traditionsgemäß, die Herrschaft. Das heißt aber nicht, dass jeder Angehörige der herrschenden Familie mächtiger als jedes Individuum aus dem Volke ist. In vieler Hinsichten ist das Gegenteil der Fall. Es kann von einer herrschenden Familie gesprochen werden. Aufgrund der vielen Allianzen, die die Chefs aus strategischen Gründen knüpfen, wäre die königliche Familie unendlich breit, wenn es ab der dritten Generation keinen Abbruch gäbe. Und trotzdem ist es eine sehr grosse Anzahl von Familienangehörigen, die Chef werden dürfen : die arrieres-cousins, die Cousins, die Neffen so wie die Brüder des Chefs. Jedoch sind es in erster Linie die Prinzen im engeren Sinne, also die eigenen Söhne eines Chefs, die Chef werden ñ oder doch die Brüder. Je entfernter man mit dem Chef verwandt ist, um so geringer wird die Wahrscheinlichkeit, Nachfolger zu werden.
Da jemand aus dem Volk keineswegs Chef werden kann, bleibt der Streit innerhalb der königlichen Familie. Es herrscht immer die Furcht, der Chef könnte jederzeit von einem seiner Brüder umgestürzt werden ñ oder ein Vorfahrenschädel könnte gestohlen werden, was den "Dieb" dann zu dessen Vertreter auf Erden, nämlich dessen wirklichen Nachfolger machen würde. Daher hat keiner der Prinz den geringsten Anteil an der Macht, sondern sie bekommen bloße Ehrentitel, oder "de petits titres quíon donnait à certains princes pour les calmer". Einer dieser Titel ist der des Kuipou, welcher sogleich einen Posten darstellt. Kuipou bedeutet Stellvertreter des Chefs. Aber er verfügt tatsächlich über keine Macht und darf auch auf keinerlei Weise den Chef vertreten: "Kuipou níest vraiment pas líadjoint au chef" betont der Chef Ngniè Kamga. "Il ne joue aucun rôle dans le village. Quand le chef est absent, ce níest pas líadjoint qui commande. Non! Il ne commande pas. Il ne peut pas entrer à la chefferie, il ne peut pas venir à la chefferie rendre justice. Je ne peux pas laisser la moindre parcelle de pouvoir à Kuipou, non! La coutume ne prévoit pas ça." Ebensowenig wie andere Prinzen, die bei Amtsantritt eines neuen Chefs berufen und mit ihm inthronisiert werden ist Kuipou also kein Amt, sondern ein Ehrentitel; ebenso wie alle anderen erwachsene Prinzen wohnt er weit entfernt von der chefferie.
Dahingegen wohnen alle ehemaligen tabue in Hiala, d.h. in der unmittelbaren Nähe des Chefs. Außerdem muß amtierende tabue und Defo in der chefferie leben. Beide sind die wichtigsten Bedienste und Vertrauten des Chefs. Sie gehören nicht der königlichen Familie an, sondern stammen aus dem Volk. Also ist es nicht eine Familie, sondern eine Person aus dieser Familie, die mit Hilfe des Volkes herrscht. Denn der Chef ist aus der königlichen Familie der einzige, der über die Angelegenheiten des Volkes entscheiden kann, und zwar mit dem Volk. Einfache dürfen zwar Bewohner nie Chef werden, doch eben darum sind sie unentbehrlich für die Ausübung der Macht. Einerseits sorgen sie dafür, dass der Chef nicht umgestürzt wird. Andererseits, aber sind sie die eigentliche Exekutanten der Macht. Die Nwala sind die eigentlichen Stellvertreter des Chefs. Sie wohnen in der chefferie und sind die einzigen, die in Abwesenheit des Chefs über wichtige Angelegenheiten entscheiden dürfen. Sie stellen eine Art Brücke zwischen dem Chef und dem Volk dar; denn erst wenn sie die richtige Entscheidung nicht treffen können, ziehen sie die Fälle vor dem Chef. Es gibt zwei Nwala, die jeweils bestimmte Aufgabenbereiche übernehmen. Sie werden aus den sieben Taíjie aufgrund ihres Dynamismus auserwählt für eine Zeitsamt von drei bis fünf Jahren. Darüber hinaus bleiben sie durchaus wichtige Personen im Dorf und können zu Beratungen immer wieder hinzugezogen werden. Die drei Parteien (Chef, Nwala und Taíjie, Tabue und Defo) gelten traditionell als Exekutanten; über politische Macht verfügen die Mitglieder mancher gesellschaftlichen Bünde.
- Die gesellschaftliche Bünde:
Wie der aktuelle Fo meint, bilden die gesellschaftliche Bünde, "die Seele" des traditionellen Gesellschaftssystem. Es gibt eine Vielfalt gesellschaftlicher Bünde sowohl auf Ebene der quartiers als auch auf der der chefferie, die verschiedene religiöse und politische Funktionen wahrnehmen. Dazu zählt in erster Linie der berühmte "Rat der neun Notabeln" (Kamvuíu).
Der Kamvuíu wird allgemein als jener Bund definiert, der sich aus neun Nachkommen des Gründers bilden soll, und welcher den Chef bei wichtigen Entscheidungen beraten soll. Sowohl in der Literatur als auch in Bandjoun selbst herrschen Verwirrungen über die Namen seiner Angehörigen, seinen Aufgabenbereich, die Anzahl seiner Mitglieder u.a.! Jedoch besteht der Kamvuíu in Bandjoun nicht aus neun, sondern aus sieben Personen. Allerdings bedeutet Kamvuíu neun Notabeln, was schon irreführend ist. Anderseits aber sind es wiederum neun Personen, die zusammenkommen, wenn es heißt die Kamvuíu treffen sich. Weiter muss zwischen zwei Räten unterschieden werden, die diesen Namen tragen. Das eigentliche Kamvuíu, dessen Mitglieder haben die Namen: Defo Tokamm, Tekom Hiè, Dzughem, Dzudié Kamjie, Dzu Tassuc, Dzudié Schouepa, Dzu Buíe. Sie nehmen vor allem bestimmte religiöse Aufgaben wahr und sind unabsetzbar. Bei jeder Sitzung kommen die zwei amtierenden Nwala hinzu, weshalb man auch sagt, sie seien neun. Daneben gibt es die andere Kategorie des Kamvuíu, welche auch Zie genannt wird und 42 Mitglieder hat. Diese besteht aus allen Kuipou sowie alle Ouafo bzw. deren Nachfolgern4.
Außerdem gibt es in der chefferie zahlreich Bünde, deren Mitglieder unmittelbar in den Entscheidungsprozess miteinbezogen werden. Schließlich gab es traditionell sowohl innerhalb der chefferie als auch auf der Ebene der quartiers verschiedene Überwachungsorgane, die auch über gewissen Einfluss verfügten. So ist also das Gesellschaftssystem von Bandjoun eine administratives Gefüge, das der Chef mit Hilfe vielfacher Bünde der Notabeln führt. Die vielseitige Verwaltung lässt sich in zwei Bereiche teilen: Die zentrale Verwaltung ist der Bereich der Nwala (Minister) und der Bedienste des Chefs (Tabue und Defo); die territoriale Verwaltung ist der Bereich der taíjie, sous-chefs und chefs du quatier sowie der Familienchefs.
c) Die Bünde und das gesellschaftliche Leben
Die gesellschaftliche Bünde oder Mkem sind nicht nur politische Instanzen. Sie haben auch eine ökonomische u.v.a. eine höchst soziale Funktionen. Der Beitritt zu einer Sozietät erfordert einen finanziellen Aufwand, der sich in Naturalien auszählt: Der Beitretende muss die bestehenden Mitglieder mit Essen versorgen. Die Quantität ist vom Bund abhängig. Solche, die die höchste Stufe eines sozialen Aufstieges darstellen, erfordern so große Opfer, die viele jedoch auf sich nehmen. Die Mitgliedschaft in einer Soziätät gilt dann für viele als Einnahmequelle, wenn neue Mitglieder eintreten.
Außer dem Kamvuíu, deren Mitgliedschaft ausschließlich vererbt wird und der v.a. politisch-magische und religiöse Praxen vornimmt, haben alle Bünde auch soziale Funktionen. Die der chefferie stellen den Raum dar, durch den der Chef seinen Kontakt zum Volk aufrechterhält. Die Bünde und darüber hinaus die Notabilität haben ferner die Funktion, jedem Einwohner einen Platz, eine Stelle in der sozialen Hierarchie zuzuweisen. Als Mitglied eines Geheimbundes hat man im öffentlichen Leben einige Vorrechte. Aber abgesehen davon sind die Bünde Orte der sozialen Kontrolle. Schließlich dienen die Soziätäte dazu, jedem den sozialen Aufstieg zu ermöglichen und zu entsprechender Leistung zu zwingen.
Die Mitglieder eines Bunds treffen sich mindestens alle acht Tage im jeweiligen Versammlungshaus. Ihre Treffen sind geheim. Alle Bünde sind nur durch ihr öffentliches Leben in der Gesellschaft präsent: die gemeinschaftlichen Arbeiten und vor allem die Beteiligung an Trauerfeiern und die Schaudarbietungen in Form traditioneller Tänze. Die gesellschaftlichen Bünde finden eine andere Bedeutung in Trauerfeiern, bei denen der soziale Status des Verstorbenen sowie derjenige seiner Kindern ersichtlich wird. Alle Bünde, denen der Verstorbene zugehörig war, nehmen daran teil und erhöhen somit die Qualität der Feier. Die funérailles werden schließlich mit Tanzvorführungen geschlossen und stellen neben dem deuil zur Zeit einen der wichtigsten Momente gesellschaftliches Lebens dar.
Allerdings hat jeder Bund eigene Tänze, welche zu bestimmten Anlässen entweder in der chefferie oder im quartier vorgeführt werden. Dabei zeigt sich, dass die Vorführung für die Geheimbünde der chefferie bzw. Für ihre Mitglieder nur Anlass bietet, ihren Reichtum zu zeigen und nicht etwa um sich zu erkennen zu geben: Nur der Fo darf sein Gesicht zeigen, während alle anderen maskiert sind. Sogar die Musikinstrumente bleiben versteckt und mancher Tanz wird ausschließlich nacht vorgeführt. Bemerkenswert ist, dass der Status eines jeden in den Geheimbünde an den Ornamente, die er während des Tanzes trägt, erkennbar ist (z.B.: ein Panterfell auf Rücken...). Abschließend gibt es außer Tanzvorführungen, welche die höchste öffentliche Manifestation der Bünde sind, andere Äußerlichkeiten, woran man Notabeln sowie deren Grad erkennen kann: z.B. die räumlichen Strukturen des Anwesens eines Notabeln, Mütze, Sessel, bürgerliche Bekleidung anlässlich einer Festivität. Doch wozu all dies, wenn man als Individuum nicht erkannt werden kann oder darf? Diese Praxis liegt dem Sozialisationsmuster zugrunde, das zwar zum individuellen Aufstieg auffordert, zugleich aber jede Individualisierung verbietet. Denn die Gesellschaft ist eine komplexe Verflechtung, in der das Individuum leicht verschwindet und dann in der Form eines Bundesmitglieds aufgeht.
2. Erziehung und Sozialisation
Über die menschliche Vernetzung in den verschiedenen Bünde hinaus, wird der Lebenssinn des Einzelnen durch die verwandtschaftsmäßige Zugehörigkeit gestiftet. Dafür ist der Weiler des chefs du lineage der entscheidende Orientierungspunkt. Die Weiler liegen nebeneinander und werden von einander durch Scheinwände getrennt. Hier wirkt die Person des Familienchefs auf die Bewohner des Weilers wie die des Fo auf die des Dorfs. Oder: Der Familienchef bzw. der Patriarch ist für die Familienmitglieder das, was der Fo für die Bandjouner ist.
a) Der Familienweiler
Was im Deutschen als Weiler oder Anwesen bezeichnet wird nennen die Bandjouner pé oder laía. Beide Wörter stehen im Umgangsfranzösischen für propriété/concession bzw. village.5
Die Begriffe pé oder laía werden meist situativ gebraucht. Wer z.B. außerhalb des Dorfes sagt: "je vais au village" (laía), meint, er gehe nach Bandjoun. In Bandjoun würde er zu verstehen geben, dass er zu seinem Anwesen (pé) geht. Und da ein Anwesen nicht nur aus Behausungen, sondern auch aus Feldern besteht, meint die Frau, die sagt "je vais au pé", dass sie auf das Ackerfeld geht. Schließlich bekommt, in erster Linie bei den Ausgewanderten außerhalb des Bamiléké Gebiets, der Begriff von laía einen identitätsstiftenden Sinn. Von jemandem dann zu sagen "il est du village" bedeutet: a) Er ist aus Bandjoun, wenn alle Gesprächspartner aus Bandjoun sind; b) er ist aus einem benachbarten Dorf, wo Ghomaíla gesprochen wird; c) er ist Bamiléké, wenn die Teilnehmer aus verschiedenen weit von einander liegenden Dörfern stammen. Laía wird bevorzugt zur Selbstzuschreibung gebraucht. Diese emotionale Gebrauchsweise des Begriffs laía, der mit pé korrespondiert, ist eine Anspielung auf die reale Bedeutung des Anwesens. Jedes pé (Anwesen) "ermöglicht in sich das Leben in vielfach verschlungenen Familienbeziehungen, steht in den Beziehungen zu anderen Weilern, ist eingebettet in Verwandtschaftsbeziehungen, in Beziehungen zu Göttern und zu Ahnen", wie Klaus Hirsch festgestellt hat.6 Das Anwesen ist nicht privates Eigentum des Patriarchen, sondern gehört allen männlichen (praktisch nach und nach auch weiblichen) Familienmitgliedern, die in patrilignage stehen. Das Anwesen ist vor allem der Ort der Ahnen, zu denen der Kontakt ständig gepflegt werden muss. Es ist sowohl für den Emigrierten als auch für den Gebliebenen der Ort des Ahnenkults. Dieser wird nicht nur praktiziert, indem man Palmöl oder Raphiawein auf den bewahrten Schädeln der Vorfahren oder am Fuß des "Baumgottes" ausgießt. Viel eher manifestiert man die Verbindung zu den Ahnen indem man ein Haus in dem Anwesen baut, welches zugleich als Symbol des Erwachsenenwerden gilt. Vor diesem Haus wird der Erwachse begraben und betritt (idealer Weise) dank des hinterlassenen Nachwuchs die Welt der Ahnen.7
b) Die Familie und ihre Kinder
Die Vernetzung durch die Bünde, so wichtig sie auch ist, zerstückelt die Familie nicht. Diese bleibt das Fundament der Gesellschaft. Bandjoun setzte sich ursprünglich aus verschiedenen Familien oder Volksgruppen zusammen zwischen denen es keine Verwandtschaftsbeziehungen gab. Aus dieser Ersten haben sich die wichtigsten Lineages gebildet, welche das Erbschaftssystem untermauert hat. Aber weil das Erbe samt Name und Titel nur an einen Sohn weitergegeben wird, sind alle gezwungen "umzuziehen", um eigene Familie zu gründen ñ sowie der "Jäger-Gründer", der aus seiner Heimat weggegangen war, weil er nicht der Nachfolger seines Vaters war und sich denn wo anders niederlassen musste, um seine Macht auszuüben. Der Nicht-Nachfolger, der nicht in die Anonymität verschwinden will, wird (selbst) mit dem Beitritt in die Bünde der chefferie und dem Erwerb des damit verbundenen Titels zum Lineage-Chef ñ Voraussetzung hierfür ist ferner möglichst vielen Kinder und Frauen zu haben.
Der ständige Lineage-Bruch gleicht einem Enttribalisierungsprozess, denn die Nachkommen begreifen sich keinesfalls in Termini eines Clans. Dies heißt jedoch nicht, dass es keinen Familienzusammenhalt gibt. Der Familienzusammenhalt ist in der Tat sehr stark.
In dieser sozio-religiöse Konstellation kommt den Kindern eine besondere Bedeutung zu. Einerseits werden ledige Männer (in der Regel kinderlos) schikaniert und besonders die kinderlosen Frauen werden gefürchtet und verdächtigt, von bösen Geister besessen zu sein. Andererseits bekommt der, der ohne Nachwuchs stirbt, keine ordentliche Trauerfeier. Darüber hinaus kann er die Welt der Ahnen nicht betreten, denn es gibt niemanden, der den Kult für ihn ausübt. Das Kind hat also eine dreifach wichtige Bedeutungen. Es gilt als Symbol der sozialen Integration. Ein Notabelntitel z.B. hat nur einen Sinn, wenn damit ein zahlreicher Nachwuchs verbunden ist. Der ledige kinderlose Mann hat dementsprechend kein Ansehen. Weiter ist das Kind, das einzige, der einem später Unterstützungen aller Arte gewährleistet. Schließlich gilt das Kind als Faktor des Fortbestehens. Die Individuen bleiben nur durch ihre Kinder in Volkserinnerungen. Man lebt weiter in seinem Nachwuchs, der an einen erinnert. Die Kombination politischer, religiöser und sozioökonomischer Haltungen weisen auf die Sorgfalt hin, die die Erziehung eines Kindes begleitet. Denn nicht jedes Kind, sondern nur jenes, das erfolgreich ist, d.h. gut integriert in die Gesellschaft, verleiht den Eltern auch besseres Ansehen.
Schon die Geburt gibt besonders der Mutter die Möglichkeit, eine Zeitlang Hilfe nicht nur von ihrer Verwandtschaft sowie der ihres Mannes, sondern von der ganzen Nachbarschaft zu genießen. D.h. zum einen, dass den Eltern eine besondere Leistung zuerkannt wird. Zum anderen wird das Neugeborene von der ganzen Gemeinschaft aufgenommen. Es ist dann die Aufgabe jedes Mitglieds der Gemeinschaft, je nach seinem Alter, zur Sozialisation des Neuen beizutragen. Die Erziehung ist keineswegs den Eltern allein überlassen. Der Vater, Familienchef und Autoritätsfigur, soll zwar für das Wohlergehen der ganzen Familie sorgen, konkrete Aufgaben aber nehmen in erster Linie die Mutter und ältere Geschwister wahr (d.h. nicht nur andere leibliche Kinder des Ehepaars, sondern auch alle, die auf Zeit bei diesem wohnen). Vor allem in polygamen Familien (was nicht selten der Fall ist) aber auch in monogamen Familien, wo der Mann kein Einkommen hat und das Leben aus der Subsistenzwirtschaft bestritten wird, muss die Mutter für das notwendige Geld sorgen, welches der Schulbesuch erfordert. Paradoxerweise wird das erfolgreiche Kind zuerst als das Kind jenen Mannes gesehen.
Die Initiationsriten (der ntse kè z.B. als unentbehrliche Bedingung um später würdenvollen Bünden der chefferie beitreten zu dürfen) sowie manche Erziehungsinstitutionen verlieren an gesellschaftlicher Bedeutung. Sie werden zum Teil nur noch symbolisch praktiziert. Aber eben in dieser Symbolik zeigt sich die Stärke des traditionellen Sozialisationsprozesses. Die hierarchischen Strukturen sind sehr wohl lebendig. Die verschiedene Bünde der quartiers, die heute andere Aufgaben als ursprünglich wahrnehmen sind Orte, wo der Sozialisationsgrad eines jeden getestet wird. Sie ordnen sich nicht mehr so sehr nach Altersgruppe, aber der Respekt der Älteren bleibt wichtig. Die freie Meinungsäußerung wird allmählich gepriesen. Jedoch geht es durchaus nicht darum, den Älteren zu kritisieren. Dies wäre unhöflich und Zeichen einer schlechten Erziehung.
Das Kind wird vor allem zum Gehorsam erzogen. So genießt das Kind, schon von jungen Jahren an, eine autoritäre Erziehung durch die Mutter u.v.a. durch die älteren Geschwister. Ferner diese ihm das Prinzip des Teilens und der gegenseitigen Hilfe, also der Solidarität, bei. Das Kind lernt sehr früh bereitwillig alles, was es bekommt mit anderen Kindern zu teilen. Es wird auch früh zur Selbständigkeit gezwungen. Zum einen weil die ökonomische Lage der Familie prekär ist; zum anderen weil es die soziale Herausforderung annimmt, indem es zeigt, was es kann, muss das Kind die Initiative ergreifen etwas zu tun, was dem Haushalt wirtschaftlich Zugute kommt. Es kann z.B. damit anfangen, seine handwerklichen Erzeugnisse auf dem Dorfmarkt zu verkaufen. Des Weitern kann es seinerseits selbst bald das Aufpassen auf jüngere Geschwister, als mögliche die Aufgabe, übernehmen.
Der Zwang zur Selbständigkeit führt also zum Zwang zur Solidarität gegenüber den Jüngeren, den Nächsten (Nachbar oder Verwandte) u.v.a den eigenen Eltern. Dies gilt besonders für Kinder der polygamen Familien, die die Hochachtung des Vaters erkämpfen müssen, mit der Hoffnung, als dessen Nachfolger nominiert zu werden. Alle Kinder (d.h. alle, die sich im Anwesen befinden) werden vom Vater aber (theoretisch) auch von den Müttern gleich behandelt. Die Chancengleichheit trägt dazu bei, dass die Kinder ihrerseits ñ nicht zuletzt wegen des Autoritätsprinzips ñ sich miteinander solidarisieren. So verschwindet das Individuum in der Gruppe, für die es Verantwortung übernehmen muss. Das Gelingen einer Erziehung führt in die Notwendigkeit mit, mit anderen zu teilen, um Ansehen (vor dem Vater) zu gewinnen. Dies mündet später in den Willen, Bünden beizutreten, was das höchste Zeichen der Freigebigkeit ist. Sowohl hier als auch schon in Kindergruppe spricht das Individuum immer im Name aller anderen, mit denen es solidarisch ist. Das "Wir" herrscht über das "Ich".
d) Notabilität und Adel
Rein analytisch gibt es grundsätzlich drei soziale Klassen, die sich durch die Lineages definieren lassen. Die Lineage des Fo; die Bediensteten8 (der chefferie) und die einfache Einwohner: Leute, deren Vorfahren aus keiner der beiden obigen Klassen stammten ñ wenn es solche gibt. Doch diese Unterscheidung lässt sich in Wirklichkeit nur schwerlich ziehen. Es herrscht die Annahme ñ vor allem bei den Würdenträgern, dass es nur zwei Klassen gebe: entweder ist man Nachkomme des Fo oder serviteur. Aber dies wäre auch keine zufriedendstellende Unterscheidung ñ ungeachtet ihrer ideologischen Prägung. Viel eher gilt eine doppelte Überschneidung, aufgrund derer, von einer Gesellschaft ohne Klassenbildung gesprochen werden kann. Erstens kann ein Nachkomme der Lineage des Fo, aufgrund des Lineage-Abbruch ab der dritten Generation wieder in der chefferie als Diener eingesetzt werden kann. Zweitens zwingt die Exogamie zur Vermischung der beiden Lineages. Andererseits ist die Zugehörigkeit einer Lineage an sich mit keinerlei Prestige verbunden. Insofern gibt es keine überlegene soziale Kategorie, wie es eine Klassenunterscheidung voraussetzen würde. Die Position eines jeden zum Fo ist entscheidend, die durch Beitritt zu einer Soziätät der chefferie sowie den Erwerb eines Ehrentitels definiert wird. Anstelle der Klassenzugehörigkeit bildet die soziale Hierarchie die Grundlage des Gesellschaftssystems. Die Hierarchie ist ein Mittel der sozialen Differenzierung, welche auf dem Prinzip der Eigenleistung beruht.
Die Gründung einer Lineage, welcher der Beitritt eines Geheimbunds vorausgeht, zielt darauf ab, den Namen zu verewigen, der an einen Notabelntitel gekoppelt ist. Wie die oben vorgenommene Klassifikation gezeigt hat, darf die Lineage nicht als soziale Fixierung verstanden werden. Der Sinn des traditionellen Gesellschaftssystems sowie der Antrieb des Bamiléké-Dynamismus überhaupt liegt in der sozialen Mobilität, die den Sozialstrukturen innewohnt. Der Begriff von Adel verliert insofern seine anthropologische Bedeutung (als Instrumentarium einer dualistischen Klassifiziereung, womit verstanden wird, dass die Geburt einen mit der Edel- oder Sklavenklasse verbindet). Man könnte es sogar wagen zu sagen, dass es bei den Bamiléké keinen Adel gebe, denn das Ansehen, das mit einem Adelstitel verbunden wird, wie die Bedeutung dieses Status', ist personengebunden. Die Begriffe von neífo (Adel bzw. Königswürde oder Leute von der königlichen Familie) und nkâm (notable, angesehene Person) sind konkurrierende Bezeichnungen für sozialen Status. Jedoch löst sich die Konkurrenz zu Gunsten des Begriffs von nkâm auf: Ein Angehöriger der königlichen Familie ist nur dann würdig oder angesehen, wenn er sich durch Eigenleistung an die Spitze der Gesellschaft hochgearbeitet hat, also sich einen Notabelntitel erworben hat.
In Bandjoun gibt es zahlreiche Titel, mit denen jene belohnt werden, die es hervorragen verdient haben. Der höchste davon, der des Nwabo, ist den (unmittelbaren) Nachkommen des Fo versperrt; denn die Nwabo haben an den übermenschlichen (magisch-totemischen) Qualitäten des Fo teil und bekommen auch seine äußerlichen Charakterisika: z.B. Gründung eines nye-Bundes (für ihre Nachkommen) in ihrem Anwesen, "rotes Armband" u.a..
Dennoch, bedeutet der Beitritt eines Bundes nicht automatisch die Erlangung eines Titels. Weiter bereiten manche Titel, wie z.B der des Nwabo. oder all jene, die mit dem Magisch-religiösem verbunden sind, nicht nur Faszination in der Bevölkerung, sie werden auch gefürchtet, denn den Trägern werden "Hexerei" oder schwarze Magie vorgeworfen. Dies gilt aber nur in extremen Fällen. Die Notabilität ist in der Regel, als Zeichen des Erfolgs, sehr erstrebenswert. Reichtum und Generosität zur Schau zu stellen, gewährt so jedem die Möglichkeit Anerkennung zu gewinnen. Die Titel, die hierbei erworben werden, bringen keinerlei Weise weniger Ansehen als die anderen, die vererbt werden. Was letztendlich zählt, ist die Fähigkeit des Einzelnen, die mehrfachen (Pantagruelle ist eine personnage des antiken Theater, die unendlich viel isst Mahlzeiten zu erbringen, die erforderlich sind. Selbst der Nachfolger eines hochangesehenen Notabeln wird erst als solcher anerkannt, wenn er diese Leistung erbracht hat. Was man erbt ist der Titel eines Notabeln aber nicht die Notabilität.
3. Polygamie und Allianzstrukturen
Die Notabilität ist traditionell eng mit der Polygamie (die Form der Ehe, in der der Mann mehrere Ehefrauen hat) verbunden. Der Notable ist vor allem jemand, der über viele Menschen herrscht und viel Nachwuchs hat. Dies setzt auch viele Frauen voraus. Um eine Braut zu bekommen, muss der Mann bzw. seine Familie einen Brautpreis zahlen, der von den Qualitäten der Frau unabhängig und eher proportionell zu dem Preis ist, den der Vater für die Mutter der Braut gezahlt hatte. Aber dieser Preis ist, ungeachtet seiner Höhe, symbolisch. Erst nach der Eheschließung fangen die Versorgungspflichten gegenüber der Brautfamilie an. Da es traditionell für Jungesellen nicht immer möglich war, auf einmal den Preis zu zahlen, gab es die Möglichkeit, den Brautpreis erst später abzuzahlen Dadurch entstand das System des Takap, das sich dadurch zeichnet, dass ein Vater heute auf den an ihn zu zahlenden Preis für seine Tochter verzichtet, behält dann aber das Brautpreisrecht über deren weiblichen Nachwuchs. Dadurch war ihm das Recht vorbehalten diese so zu vergeben, wie er es wollte. Somit behielt er sich eine ökonomische Quelle, die es ihm ermöglichte, seinen sozialen Status zu pflegen. Trotz der Wichtigkeit der Frau in der Gesellschaft, tauchte sie bloß als Tauschelement für Männer auf.
Die Polygamie hat traditionell ein vielseitiges Fundament und ist vielen Zwecken dienlich. Aus ökonomischer Hinsicht kann überhaupt nur der ein Polygamer werden, der das lebenswichtige Mittel besitzt, nämlich den Boden. Denn man muss einer Frau, die man heiratet, Boden zum Ackerbau gewähren, womit sie ihre Subsistenz sowie die ihrer Kinder sichern kann. Also der beste Weg zur Polygamie ist es, in der chefferie zu dienen. Nach dem Dienst bekommt man vom Chef sowohl eine Frau "geschenkt" als auch Land, wo man sich niederlassen kann; und ebenso Titel. Mit einem Notabelntitel ist schon der nächste Schritt getan: Für das Prestige, das er genießt würde jeder Vater seine Tochter gern einem Notabeln zum Heiraten geben. Der Notable, der so schnell mehrere Frauen hat, hat gleichsam Arbeitskräfte, die ihm jene Einnahmen gewährleisten, welche er zum Erwerb weiteren Frauen oder zum Beitritt in die Bünden benötigt, was sein Ansehen weiterhin erhöht Allerdings benötigt man für diesen Beitritt auch wiederum Frauen, die man dem Chef "schenken" muss. Aus sozial-politischer Hinsicht also, gewinnt der Polygame viel Ansehen. Er hat nicht nur Frauen, sondern auch, und vor allem, viele Kinder und beweist dadurch seine Fähigkeit "Chef" zu sein. Überdies sichert er sich durch das Geben und Nehmen von Frauen ñ ob dem Chef, anderen Notabeln oder einfachen Leuten gegenüber ñ vielfältige Beziehungen. Er wird dadurch auf politischen Ebene zum wichtigen Partner des Chefs; denn zum einen ist der Chef auf Notabeln angewiesen, die ihm ihre Kinder als Bedienstete zukommen lassen, um seine Macht zu stützen, andererseits auch seinen Willen unter den Leuten zu verbreiten; zum anderen ist er für sein Überleben auf die Naturalien angewiesen, die ihm Familienchefs ihm in Gestalt von Abgaben zahlten. Schließlich gilt in religiöser Hinsicht der Polygame als Gründer einer Lineage, dessen Nachwuchs ihm einen deuil bien mérité und Ahnenkult widmen wird. Aber der Kult wird nicht schlechterdings um des Kultes oder gar um Ahnen Willen praktiziert. Vielmehr sind Beziehung zwischen Diesseits und Jenseits pragmatisch begründet. In diesem bilinären Abstammungssystem sind die Menschen in unterschiedlicher Weise ihren Vorfahren verpflichtet, je nach dem, was die Beziehungen verprechen. In der Lineage der Mutter, die unendlich weit zurückgeht, verspricht der Kult im Gegenzug ein sicheres Gefühl in der alltäglichen Lebenswelt. Die Lineage des Vaters stellt das Fundament der Sozialstrukturen dar und dient in erster Linie soziopolitischen Zwecken. Ab der dritten Generation ist man aus dieser Lineage ausgeschlossen, wenn man kein Nachfolger, successeur ist. Nur der successeur ist seinen väterlichen Vorfahren verpflichtet, die er auch auf Erde vertritt. Die andere haben ab der dritten Generation hinaus von ihnen nichts zu erwarten, weswegen sie auch für sie keinen Kult praktizieren.
Nicht immer aus eigenem Willen hat man mehrere Ehefrauen Der successeur erbt die Hinterlassenschaft des verstorbenen Vaters mitsamt der Frauen (bis auf eigene Mutter) und Kindern. Aber nicht nur der successeur darf oder muss Frauen übernehmen. Es kommt vor, dass ein Mann stirbt, während seine Kinder und Frau(en) noch sehr jung sind. Dann muss sie ein (meist jüngerer) Bruder (der auch meist schon verheiratet ist) übernehmen. Dabei heißt es offiziell, er müsse sich um die Frau und die Erziehung der Kinder kümmern; in der Tat geht diese Praxis der Frauenübernahme auf die Idee zurück, dass eine Frau, aufgrund des für ihren Erwerb bezahlten Brautpreises, zum Besitz der Familie ihres Mannes geworden ist.
Die Praxis der Polygamie geht aufgrund sozioökonomischer und gesellschaftlich struktureller Wandel zurück. Aber sie bestimmt noch weitgehend das Schicksal vieler Kinder. Einerseits ist jeder für den Zugang zum Boden auf die Erbschaft seines Vaters angewiesen; je größer die Kinderzahl um so geringer die Chance ein Grundstück auf dem Familienanwesen oder überhaupt Boden zu bekommen. Dies bedeutet, dass Kinder, die in der Schule nicht erfolgreich sind, nicht einmal ihre Subsistenz im Dorf sichern können; denn diese wird in erster Linie durch Ackerbau gewährleistet. Andererseits ist das Zusammenleben in der polygamen Familie für Kinder selten reibungslos.
4. Über die Grenzen hinaus
a) Auswanderung ...
In Kamerun sind die Bamiléké im Allgemeinen bekannt für ihre geographische Übiquität. In quasi jeder Stadt des Landes stellen sie eine der bedeutsamsten ethnischen Gemeinschaften dar. Manche sprechen sogar von einer "Bamilékékolonisation". Dabei bilden sich die Gemeinschaften nach Herkunftsdorf; und je nach Größe der Gemeinschaft werden sie weiter in Herkunftsviertel oder sogar nach Abstammungslineage gespaltet. Es herrscht also das Grundmuster der chefferie mit dem Unterschied, dass es selten zur territorialen Gemeinschaftsbildung kommt.
Dieser Migration liegt eine Kombination von vier Faktoren zu Grunde: die Arbeitskräfterekrutierung der kolonialen Zeit; die Bodenknappheit, welche an Sozialstrukturen gebunden ist; der Bürgerkrieg der 50er Jahre; die Aussichtslosigkeit in den jeweiligen Dörfern. Die stärkeren Bamilékéauswanderungen begannen in den 20er Jahren, als die koloniale Verwaltung den Fo aufforderte, Arbeitskräfte für die öffentlichen Arbeiten sowie die europäischen Plantagen im Süden des Landes zu liefern. Allerdings war das Bamilékégebiet, im Vergleich zu anderen Regionen, in denen die Arbeit vorwiegend stattfand, sehr dicht besiedelt. Außerdem erwiesen sich die Bamiléké als sehr arbeitstüchtig, weshalb sie bevorzugt angefordert wurden. Die Machtinhaber, die Fo und ihre Notabeln, nutzten die Gelegenheit, um sich von solchen Leute zu trennen, die eine Bedrohung für ihre wirtschaftlichen Ehrgeiz darstellten, nämlich junge Leute ohne Bodenbesitz und daher ohne eigene Familie. Traditionsgemäß ist es die Pflicht des Fo und darüber hinaus der Lineagechefs, alle erwachsenen Bewohner mit Boden zu versorgen. Doch in dieser Zeit kam dem Boden eine große öknomische Bedeutung zu: Die Einführung von Kaffeeanbau im Bamilékégebiet bot den Chefs neue Einkommensquellen. Sie nahmen den Boden zum Eigennutzen in Anspruch. Hinzu kam, dass von den zahlreichen Kindern eines Familienchefs nur ein Sohn erben darf. Zuvor bekamen die Nicht-Erben selbstverständlich Land entweder von dem Lineagechef oder vom Fo. In der neuen ökonomischen Konstellation blieb für den, der nach sozialem Aufstieg strebte, nur noch die Abwanderung. Neben denjenigen, die gezwungenermaßen emigrierten, gab es vielen andere, die "freiwillig" vom Heimatdorf weggingen, um woanders einen besseren sozialen Status zu erkämpfen. Sie gingen in die Plantage des MoungoDepartements?, wo sie allmählich vom Tagelöhner zum Landbesitzer wurden; in die Städte des Südens, wo sie von employés de commerce zu Händlern wurden oder sonst wohin, wo sie Handel betrieben oder im staatlichen und sonstigen Verwaltungsapparat dienten. Es heißt jedoch nicht, dass jeder Migrant erfolgreich war. Andererseits war es nicht nur die Nicht-Erben, die emigriert sind. Der Bürgerkrieg der 50er Jahre, der das Gebiet besonders erschüttert hatte und die Bamiléké tiefgehend traumatisiert hat, stellt einen Faktor dar, welcher auch die Notabeln zur Auswanderung zwang. Schließlich gab im Bamilékégebiet kaum Beschäftigungsmöglichkeiten. Also ist es nicht die Faszination der städtischen Lebensweise, als vielmehr die Suche nach Einkommensquellen, die die Städte anziehend machte.
Kennzeichnend an der Bamilékémigration ist es, dass es nie eine massenhafte Bewegung gegeben hat. Es waren immer Einzelne, meist Männer, die emigrierten und später zurück in die Heimat gingen, um eine Ehefrau auszusuchen. Der neu Eingewanderte wurde in die Herkunftsdorfgemeinschaft aufgenommen, wo gegenseitige Hilfe geleistet wurde. Aber hier galt weiter das Sozialisationsmuster der Heimat: Respektierung der Älteren u.v.a. Hochwertung der individuellen Leistung. Weiterhin gewann noch besseres Ansehen, wer außer seiner ökonomischen Leistung, einen Notabelntitel mitgebracht hatte.
b) ... und zurück ins Dorf
Das Beibehalten der traditionellen Normen führte zu einem besonderen Verhältnis mit der Heimatchefferie. Die Abwanderung für den Bamiléké ist weder ein Infragestellen jener traditionellen Ordnung, die manche als Diktatur abtun, noch ist sie eine Loslösung von vielfältigen Familienpflichten. Sie entsteht viel eher aus dem Streben nach sozialem Aufstieg, was schließlich erfolgreiche Integration bedeutet. Der Erfolg zeigt sich darin, dass der Emigrierte zurückgeht und sich Notabelntitel "erkauft", was dann sein Status in der Emigriertengemeinschaft erhöht. Ein weiterer Faktor, der das Verhältnis zur Heimat beeinflusst, ist die religiöse Haltung. Der Glauben, dass die Ahnen jede Handlung sanktionieren (hat man Erfolg, ist dies ihnen zu verdanken; hat man keinen, muss man sie um Hilfe bitten oder flehen; glaubt man sie vernachlässigt zu haben, muss man ihre Wut lindern), macht den Ahnenkult verbindlich, der jedoch nur auf Ahnenboden durchgeführt werden darf. Der Emigrierte pflegt sein Verhältnis zum Ahnenboden, indem er öfter hinfährt und so auch Kontakt zu den ansässigen Bewohnern pflegt.
Dem Haus kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Einerseits, weil nicht im Freien übernachtet werden soll. Aber insbesondere für die successeur, die in der Stadt leben, gilt, dass die Schädel der Vorfahren nicht unter den Unbilden des Wetters leiden dürfen. So gibt es in Bandjoun kaum ein Anwesen, in dem es nicht mindestens ein Haus gäbe. Andererseits dient es nicht nur diesem religiösen Zweck, sondern es ist auch ein Status stiftendes Kriterium. Nachdem viele Bamiléké in städtisches Bauwesen investiert haben, gehen sie nun in ihre Dörfern zurück, wo sie Villen und Paläste bauen. Während das Bauen in der Stadt lediglich ökonomischen Zwecken dient, wird mit dem Bau im Dorf zugleich das Erwachsensein und der soziale Status ausgedrückt. Zur Zeit wird beobachtet, dass die luxuriösen Häuser bewacht, aber kaum bewohnt sind. Sie gelten für die noch in den Städten lebenden Besitzer als "maison de retraite"(d.h. (a) etwa maison de campagne, d.h. ein Haus, das als Erholungsort gilt; (b) ein Haus in dem man leben wird, wenn man pensioniert ist.
Bemerkenswert ist, dass die Häuser ihrer sozialen Funktion nach, vom traditionellen Baumuster geprägt sind. Aber sie werden nach den modernsten technologischen Anforderungen gebaut. Für den Rückkehrer soll wenigstens ein moderner Lebensstandard auch im Dorf gewährleistet werden (fließendes Wasser, Elektrizität, Telefon...).
5. Mbô: ein Abriss
Mbô, Standort der Ecole Pilote, stellt in der Geschichte Bandjouns in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar. Diese ist vielfältig durch die Geschichte der dortigen Kirche geprägt.
a) Hegemonienansprüche und koloniale Grenzziehung
Das Grundstück, auf dem sich die evangelische Mission in Bandjoun niedergelassen und ihre Einrichtungen (Kirche, Schule, Krankenhaus) gebaut hat, wurde Mitte der 20er Jahre an die französische Société des Missions Evangéliques de Paris vergeben. Nach dem zuletzt 1937 von der Société Civile et Immobilière des Missions Evangéliques erworbenen Eigentumsrecht beträgt es 56,2105ha. So ging ziemlich viel des Landes an Fremde in einem Dorf, dessen Herrscher seit Generationen bestrebt waren, Land zu erobern. Aber wessen Land war es zuvor? Ein Landstrich von Bafoussam, welches Bandjoun zu erobern bemüht war. Der Chef von Bafoussam gab es den französischen Missionaren, die ihm somit als Grenzschutz dienen sollten.
Umstrittene Grenzziehungen zwischen benachbarten Dörfern bildeten den Hintergrund für langjährige Landstreitigkeiten, welche eine der Konfliktparteien immer wieder zu revidieren versuchte. Die Kolonialverwaltung, deren Hauptbeschäftigung im Bamilékégebiet sich schließlich auf die Schlichtung solcher Konflikte beschränkte9, hatte ihre besondere Weise diese zu beenden: Anfangs erklärten sie das umstrittene Land als besitzerlos; da aber diese Prozedur sich als unfruchtbar erwiesen hatte, beschränkte sich die Verwaltung darauf das Stück als "Domanialland"zu klassifizieren, welches dann für öffentliche Zwecke verwendet wurde. Die Chefs ihrerseits vergaben der Mission nur solche Böden, die die Autochtonen für verflucht hielten, weshalb sie auch unbewohnt blieben.10
In Bandjoun war die evangelische Mission schon zum Beginn des 20.Jh.'s tätig und hatte bereits 1912 ihre erste Schule sowie Kirche an einem anderen Ort gegründet. Aber als Standort für die Missionierungsexpansion wurde Mbô ausgewählt, aufgrund seiner Nähe zu dem neu errichteten Verwaltungsposten Bafoussam sowie auch seiner Erschließbarkeit (Kommunikationsmöglichkeiten: Post, Telegraph, Hauptstrasse). Als 1925 die Kolonialverwaltung zu Lasten von Bafoussam die Grenzen festlegte, wurde Mbô in Bandjoun inkorporiert. So sehr der Chef Kamga II an der Niederlassung der Missionaren interessiert war, war er aber über ihren großen Landbesitz verärgert und gleichzeitig besorgt über ihren potentiellen Einfluss. Er bestritt zwar die Größe des Grundstücks, konnte sich dennoch schließlich mit den Missionaren einigen; andererseits besiedelte er sicherheitshalber das neu eroberte Land mit stärkeren "Kriegern", die auch in der Lage waren, es zu verteidigen. Indes achtete er darauf, dass, während in unmittelbarer Umgebung der Missionsstation nur Protestanten waren, ausschließlich Leute, die sich zum Katholizismus bekehrt hatten weiter dort angesiedelt wurden. Und so konnten sich auch die katholischen Missionare in Mbô niederlassen, die darauf hin nicht nur eine Kirche aufbauten, sondern auch eine Schule, die heute zu den größten im Dorf zählt.
Es ist unmöglich genau zu sagen wieviel Seelen in Mbô leben; zudem unterteilt sich dieses große quartier in drei sous-quartiers, denen jeweils ein chef de quartier vorsteht: Mbô Djeleng, Mbô Djesè und Mbô Magom, wo sich die Ecole Pilote genau befindet. Ein chef de Quartier sagt, dass seine Teil den staatlichen Statistiken nach 700 Einwohner hätte; er weist gleichzeitig selbst darauf hin, dass es sich dabei nur um Wahlberechtigte handele und zwar um jene, die anscheinend für die regierende Partei stimmen würden.
Staatlich administrativ weist Mbô keine Besonderheit auf, es ist dem arrondissement von Poumougne untergeordnet, dessen Hauptsitz Bandjoun-Zentrum ist. Dennoch ist es einer der bekanntesten Orte der Westprovinz ñ nicht zuletzt weil untere seinen Einwohnern so manche gibt, die für ihre Besitztümer "weltweit" berühmt sind und deren Palaststürmer auch als Touristenattraktionen dienen. Vor allem ist Mbô für sein Krankenhaus bekannt, wohin jahrzehntelang Patienten aus weitentferten Gegenden strömten. Auch die Schule der evangelische Kirche wurde von Beginn an hauptsächlich von Kindern aus der Ferne besucht, die eine weiterbildende Schule besuchen wollten; Mbô ist dann zum Ausbildungszentrum des Lehrpersonals für das evangelische Schulsystem geworden, wohin weiterhin Lehrer zur beruflichen Fortbildung gesendet werden. Heute dient die Ecole Pilote dem Ansehen des Orts, aber sie ist nicht die einzige örtliche Schule. Außer der schon erwähnten katholischen Schule gibt es auch eine staatliche Primarschule und eine Sekundarschule. Es ist dennoch sein Erschließungsgrad, was den Ort entscheidend von anderen quartiers unterscheidet. Mbô durchquert die gut befahrbare Landeshauptraße von Bafoussam nach Yaoundé bwz. nach Douala, welche auch die Taxen Richtung Bandjoun Zentrum befahren; er hat eigenen Taxi-Bahnhof Richtung Bafoussam, der auch sonst zu Fuß erreichbaren Großstadt. Die Missionsstation hat zum Aufschwung des Ortes insofern beigetragen, als sowohl das Krankenhaus wie auch die Schule "Fremde" dorthin zum Arbeiten anzieht. Diese nehmen am örtlichen sozialen Leben teil und tragen zur Konstruktion der sozialen Wirklichkeit bei.
b) Sozioökonomischen Strukturen
Die sozioökonomischen Strukturen des Ortes unterscheiden sich kaum von denen anderen quartiers Bandjouns. Es gibt in Mbô (wie auch in Bandjoun) Leute, die ihre Existenz aus Tätigkeiten des "modernen" (Bereiches) Lebens (betreiben) sichern. Aber es sind zum einen sehr wenige Leute und zum anderen kombinieren sie diese Tätigkeiteen meist mit dem subsistenziellen Ackerbau, einem "traditionellen" Arbeitsbereich. Es sind drei Berufsgruppen zu unterscheiden: die Angestellten, die Händler und die Agrarwirtschaftler. Dies ist aber eine rein analytische Unterscheidung, denn es sind keine streng getrennte Gruppen, sondern sie sind in einander verschmolzen.
Die Angestellte sind in erster Linie Menschen, die nur zum Arbeiten nach Mbô gezogen sind. Es sind Angestellte in kirchlichen Institutionen, deren monatliche Gehälter ihren Lebensunterhalt sichern.
Es ist schwer, den Handel in der dortigen Form als Beruf zu bezeichnen. Aber als Händler verstehen sich hier Leute, die daraus ihre Hauptbeschäftigung machen und entsprechend damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. In Bandjoun findet der Markt alle vier Tage statt: Dzemto und Dzedze nach dem Bamilékékalendarium. An diesen Tagen strömen die Menschen aus allen Teilen des Dorfs sowie aus benachbarten Dörfern (nicht mehr zum Marktplatz, sondern) zum Zentrum. Aber nicht alle gehen bis Pète, wo der Markt stattfindet. Manche bleiben einfach an Kreuzungen der quartiers, wo ebenso an- und verkauft wird. Außerdem finden "Kreuzungsmärkte" nicht nur am Marktag statt, sondern es haben sich an machen Kreuzungen eine Art "Kleinmärkte" etabliert, die jeden Tag öffnen. Ebenso wie in Bandjoun-Zentrum (Pète) gibt es hier Verkaufsbuden und Stände für regelmäßige Händler. Weiter findet man die "Kreuzungsmärkte" nicht nur an Kreuzungen der quartiers , sondern auch in der Nähe von sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Kirchen und Schulen. Ein derartiger Markt hat sich auch in Mbô entwickelt. Hier gibt es Kleinhändler, Besitzer eines kleinen Verkaufsstands oder einer kleinen Verkaufsbude auf dem Markt der Missionsstation, in der Umgebung der Schulen oder an sonstigen "Kreuzungen". Sie haben keine festen Öffnungszeiten sind aber i.d.r. täglich da und manches Mal bis spät abends. Außer einigen großen boutiques sind es meist Frauen, die imbissartige Aktivitäten betreiben oder Lebensmittel aus der eigenen Produktion verkaufen.
Schließlich sind landwirtschaftliche Tätigkeiten für die Mehrheit die wichtigste Beschäftigung und gewähren allein die Chance zu überleben. Es ist grundsätzlich ein Bereich der Subsistenzwirtschaft und stellt in erster Linie ein Frauenbereich dar. In jedem Anwesen produzieren die Frauen um die Häuser herum Lebensmittel für die Versorgung der Familie. Die besseren Ernten werden in gôí erzielt ñ auch weil die Produktion aus dem Anwesen keineswegs ausreichend wäre, um die Familie zu ernähren. Gôí ist die Bezeichnung für das fruchtbare östliche Hinterland (entlang des Flußes Noun), das noch kaum besiedelt ist. Gôí ist auch bezeichnend für die fruchtbaren Böden der Noun-Täler in Baleng, Bafoussam, Bamoun oder Bamboutos, wo viele Frauen aus Bandjoun gepachtete oder gekaufte Böden bewirtschaften. Die Überschüsse werden verkauft, um Produkte wie Palmöl, Salz und Seife zu erwerben, die in Bandjoun nur "importiert" werden oder "Schulhefte" für Kinder zu kaufen. Was heutzutage spezifische Männerarbeit ist, ist nicht klar. "Traditionell" war es ihre Aufgabe Frauen mit Öl, Salz, Kochholz u.ä. zu versorgen. Sie betrieben kleine Haustierzüchtungen (Ziegen, Schafe, Schweine), wurden Besitzer von Cashcrop-Plantagen (Kaffee) und kümmerten sich um die Instandhaltung des Spaliers. Dies gilt zwar theoretisch noch. Jedoch hat der Beobachter den Eindruck, dass Männer in Mbô (wie auch in Bandjoun) sich ihre Zeit bloß damit vertreiben, von Todesfeier zu Todesfeier zu gehen. Eine Trauerfeier ist wohl eine der wichtigsten Momente des gesellschaftlichen Lebens in Bandjoun. Sie ist der höchste Ort der Begegnungen: Familienmitglieder der "Diaspora", Dorfbewohner, Verwandte und Bekannte aus verschiedenen quartiers kommen zusammen. Sie gibt Gelegenheit zu Schaudarbietungen der gesellschaftlichen Bünde, bietet Anlaß zur Vergeudung je nach Kaufkraft der Hinterbliebenen und trägt so dazu bei, den soziale Status des Verstorbenen und seiner Angehörigen nachzuweisen sowie deren Prestige zu polieren. Doch da die Todesfeiern nicht alle acht11 Tagen der Woche stattfinden, müssen sich auch die Männer irgendwie anderweitig beschäftigen. Manche, die nicht zur obigen Gruppen gehören, "helfen" Frauen in dem Ackerbau beim Bestellen der Felder; andere betreiben handwerkliche Tätigkeiten.
Es darf noch betont werden, dass keine scharfe Trennung zwischen den Bereichen besteht. Sogar Angestellte, die in Mbô kein eigenes Grundstück haben, gehen weiter zurück auf ihre Familienanwesen ñ sofern sie aus Bandjoun oder aus benachbarten Dörfern kommen ñ oder sie kriegen ein Stück Land zu bebauen, ob bei Bekannten oder auf den Boden der Mission. Die Händler ihrerseits betreiben auch Subsistenzagrikultur und die Agrikulteure betreiben Handel mit eigenen Erzeugnissen.
Die Arbeitszeiten und -typen entsprechen zum einen der traditionel-religiösen Zeitteilung: An manchen Tagen darf man die (theoretisch) Felder nicht bestellen. Zum anderen entsprechen sie den natürlichen Jahreszeiten so z.B. beginnt man mit der Feldarbeit bei "Ankunft" des Regens Mitte März, es wird dann intensive Feldarbeit bis zur Erntezeit im Juli/August betrieben. Dabei müssen auch die Kinder besonders helfen. Schließlich reichen nur in den seltenen Familien die Einkünfte aus, um finanziell zurechtzukommen. Jede kann sich zwar auf die gegenseitige Hilfe innerhalb der Familien oder in der Nachbarschaft verlassen; jedoch bekommt dies erst in "härteren" Fällen ein besondere Gewicht. Der Einkauf von Schulbüchern stellt ein Luxus dar, welchen sich nur wenige Familien leisten können; manche Kinder müssen schlicht die Schule verlassen, weil die Eltern die Schulgelder nicht bezahlen können; andere müssen Tagelang zu Hause bleiben, bis Eltern das Schulheft oder den Bleistift kaufen können. Dass die Ecole Pilote, die u.a. mehr Schulgebühren als andere Schulen verlangt, und trotzdem eine Nachfrage hat, die ihre Kapazität übersteigt, liegt nicht nur an dem Willen der Eltern von Mbô, ihren Kindern eine gute Schulbildung zu gewähren; die große Nachfrage ist auch auf die angedeutete Topographie des Orts zurückzuführen.
Mbô ist zwar eine Ort mit ländlichen Lebensverhältnissen, gleichwohl sind die Schüler der Ecole Pilote nicht nur Kinder aus bäuerlichen Familien. Es sind auch Kinder von Angestellten, die als Geschulte die Wichtigkeit einer Einschulung zu schätzen wissen und vor allem diese auch ihren Kindern am ehestens finanziell gewähren können. Es sind weiterhin Kinder aus der Stadt Bafoussam und darüber hinaus aus dem benachbarten Dorf Bamougoum. Also stammen Kinder der Ecole Pilote aus Familien mit unterschiedlichem sozialen Status. Dennoch prägen das Leben der Schule die traditionellen Gewohnheiten von Bandjoun, welche ihrerseits im Zuge gesamt nationaler Umbrüche sich im Transformationsprozess befinden. Die traditionellen Sozialisationsmuster der Bamiléké ebenso wie der postkoloniale Sozialisationsweg sind nicht länger wegweisend. Der Chef Ngniè Kamga weiß dies zu formulieren: "nous sommes en train de vivre une période de transition, période troublante, période embarrassante pour les uns et les autres".Wir leben in einer Periode in der die Eltern nicht mehr das wissen, was richtig dem Nachwuchs zu überliefern ist sei. Es ist auf den Hintergründen dieser gesellschaftlichen Umbrüche, auf denen sich der bildungstheoretische Reformansatz der Ecole Pilote stützt, welcher bestrebt ist, Kinder zum Lösen neuartiger Probleme zu befähigen. Folgerichtig findet er große Akzeptenz in der Gesellschaft.
Anmerkungen:
1 "Bandjoun" ist eine Deformation von "peí djo". Das Vokabel setzt sich aus "pe", Leute/Volke (aus/von) und "djo" kaufen zusammen. In der Bamiléké Sprache bedeutet "peídjo" zugleich Leute, die kaufen und gekaufte Leute.
Provinz ist die in der Verwaltungssprache gebrauchte Vokabel, um jie zu übersetzen. Wörtlich würde es aber heißen "Weg aus/von/nach..."
2 jie würde eben wörtlich heißen, "Weg von Bandjoun zu anderen Chefferien" oder bildhaft "Weg des Befehls von Chef zur Bevölkerung eines Dorfteils".
3 Alle Ehrentitel sowie der Titel des Chefs, werden vererbt. Der geerbte Titel ersetzt den Eigenname des Erbers, der fortan nur noch unter dem Titel bekannt ist.
4 Im Begriff concession liegt die Deutung des Prozess von Landserlangung nahe, nämlich, dass es von irgend einem jemandem überlassen wurde. Propriété deutet an, dass das Land nun des Eigentums eines jenen geworden ist.
5 Klaus Hirsch (1987): Bamiléké. Die Menschen aus den Schluchten. Eine Studie über die Gesellschaftsstrukturen der Bamiléké-Völker in Kamerun. Berlin.
6 Es ist unvorstellbar, einen Bamiléké im Allgemeinen, unabhängig von seinem Alter, außerhalb des familiären Anwesens zu beerdigen; dies würde einen Ausschlus aus der Lineage bedeuten.
7 D.h. nicht nur die gegenwärtigen, vielmehr alle, die ihren Titel sowie ihren sozialen Status durch den Dienst in der chefferie seit der Gründung verdient haben, und ihr Nachwuchs.
8 Auch gegenwärtig stellen in der Westenprovinz Bodenstreitigkeiten den häufigsten Gegenstand juristischer Verhandlungen dar.
9 Der Hügel von Mbô, wo sich die Missionsstation befindet, war ein solcher Ort. Die damaligen Bewohner dürften der Überzeugung gewesen sein, dass die böse Geister des Ortes die weißen Männer wegjagen würden. Es gibt immer noch heilige Orte; gleichwohl lässt sich heute vermuten, dass derart magisch-religiöse Vorstellungen viel eher eine umweltgerechte Lebensweise zu Grunde lag, die es ermöglichte Ressourcen für nachkommende Generationen aufzubewahren. Denn angesichts der Bodenknappheit verschwinden solche Orte allmählich aus der Landschaft.
10 Das Bamilékékalendarium zählt acht Tagen.
Deutsche Literatur über die Bamiléké
Außer den erwähnten Titel von Klaus Hirsch gibt es
Von Rohde, Eckart (1990): Chefferie-Bamiléké ñ Traditionelle Herrschaft und Kolonialsystem; und ders (1997) Grundbesitz und Landkonflikte in Kamerun. Der Bedeutungswandel von Land in der Bamiléké-Region während der europäischen Kolonisation. Beide bei Litt-Verlag, Münster/Hamburg.