Johannes Bastian, Arno Combe, Roman Langer
1. Ziele und Organisation des Projekts
Wie können SchülerInnen und LehrerInnen in einem dialogischen
Prozess wechselseitiger Rück-meldungen über Unterrichtsgeschehen
und Lernprozesse den Unterricht so gestalten, dass er im Sinne beider
Seiten besser - unterstützender, angenehmer und effektiver - wird?
Wie können SchülerInnen wirkungsvoll ihre eigenen Lernprozesse
und den Unterricht (mit)gestalten und sich dadurch verantwortlich an
der Schulentwicklung beteiligen?
Diese Forschungsfragen bilden den roten Faden des Projekts "Rückmeldung
über Unterricht - ein Beitrag zur Demokratisierung der Schulentwicklung",
das kooperativ vom GEW-Landesverband Hamburg und der Hamburger SchülerInnenkammer
geleitet sowie von der Max-Traeger-Stiftung gefördert wird.
Seit April 2000 begleitet das Projekt vier Schulen unterschiedlicher
Schulformen - Gymnasium, Berufsschule, Grundschule, Gesamtschule - die
vorwiegend nicht im Reformkontext bekannt sind und sich im Rahmen einer
Ausschreibung für die Teilnahme am Projekt beworben hatten. Die
Praxisphase des Projekts ist das Schuljahr 00/01.
An jeder Schule bildeten SchülerInnen und LehrerInnen eine Schulprojektgruppe.
Die Schulprojektgruppen entwickeln und erproben selbstständig Feedbackverfahren.
In drei gemeinsamen Work-shops erhalten sie Gelegenheit zum Austausch
und zur gemeinsamen Reflexion ihrer Feedbackverfahren und -erfahrungen.
Die wissenschaftliche Begleitung (Bastian, Combe, Langer) beobachtet
und dokumentiert mikrologisch die Entwicklungspraxis der Schulprojektgruppen.
Sie gibt den Schulgruppen auf Basis von Prozessanalysen Rückmeldung,
die ihnen als Reflexion ihrer Arbeit aus der Außenperspektive
dient. Zudem stellt sie methodische Hilfen zur Verfügung, u. a.
einen Methodenreader, der eine orientierende Einführung und einen
kommentierten Überblick über dialogbasierte und -anregende
Feedbackmethoden umfasst.
Der Theorierahmen des Projekts wird durch die Frage bestimmt, was die
systematische Ausweitung der Interaktionsmöglichkeiten modernisierungstheoretisch
bedeutet. Leitkonzepte sind "Vertrauen in die Institutionen" und "dialogische
Demokratie".
2. Methodologie und Methoden
Der prozessorientierte hermeneutische Forschungsansatz dieses Projekts
setzt analytisch dort an, wo die Praxis steht. LehrerInnen und SchülerInnen
werden entsprechend als ExpertInnen für ihre Unterrichtssituationen
und als InformantInnen über ihre Problemsichten und -definitionen
betrachtet. Der Weg, den sie dann in Richtung Institutionalisierung
von Feedbackverfahren zurück legen, wird als Prozessstruktur rekonstruiert.
Über Rückmeldung der Forschungsergebnisse an die ProjektteilnehmerInnen
werden die analytischen Befunde kommunikativ validiert. Datenerhebung
und Datenanalyse befruchten sich während des gesamten Forschungsprozesses
wechselseitig.
Die Datenerhebung besteht vorwiegend in der Prozessdokumentation der
Entwicklungsarbeit in den Schulprojektgruppen. In offener, nicht-teilnehmender
Beobachtung werden die Sitzungen dieser Projektgruppen und die Arbeit
der Workshops aufgezeichnet. Die Daten liegen als natürliche Protokolle
(Oevermann) vor. Je nach Stand der Analyse werden zusätzliche Informationen
erhoben, durch Beobachtung von Schlüsselsituationen im Unterricht
und ergänzende Leitfadengespräche, die als Transkriptionen
vorliegen. Es ist geplant, die Aneignungsperspektive der SchülerInnen
durch halbstrukturierte Leitfadengespräche und moderierte Gruppendiskussionen,
sowie Feedbacksituationen im Unterricht durch szenische Protokolle und
videografierte Beobachtungen ergänzend zu erheben.
Die Datenanalyse erzeugt mittels offener Hermeneutik in einem ersten
Schritt fallrekonstruktive Interpretationen der Prozessstrukturen der
Feedbackentwicklung in den einzelnen Projektgruppen, die in einem zweiten
Schritt durch Quervergleiche auf Gemeinsamkeiten analysiert werden.
Ziel ist es, (a) funktionierende professionelle Aushandlungsverfahren
für Rückmeldung über Unterricht, die zu erfahrbaren Erfolgen
führen, (b) typische Verläufe der Einführung und auch
schulweiten Institu-tionalisierung von Feedback und (c) allgemeine Rahmen-
und Gelingensbedingungen von Feedback zu ermitteln.
3. Analytische Befunde
An Schülerrückmeldung interessierte LehrerInnen fragen zunächst,
(a) wie sie SchülerInnen trotz bestehender Ängste oder Desinteressiertheiten
an Unterrichtsgestaltung beteiligen können, (b) wie sie Feedbackprozesse
veralltäglichen und ritualisieren können, und (c) wie sie
Feedbackergebnisse auswerten und zusammen mit den SchülerInnen
zu sichtbaren Konsequenzen - erfahrbaren Erfolgen, verbindlichen Vereinbarungen
- kommen können.
Zu diesen Fragen benötigen sie Ideen und Anregungen, die sie in
ihrer Unterrichtsarbeit umsetzen können. Bekommen sie diese, dann
probieren sie die neuen Anregungen motiviert aus und streben eine gemeinsame
Reflexion ihrer Erfahrungen und Ideenaustausch an, um ihr eigenes Feedbackprojekt
klarer zu strukturieren. Dies geschieht zunächst und vor allem
im eigenen Team.
Dort findet die Konstruktion maßgeschneiderter Feedbackverfahren
statt. Es ist entscheidend für das Gelingen von Feedback, dass
die Beteiligten ihre Feedbackverfahren selbst gemeinsam auf ihre besondere
Situation und ihre Bedürfnisse zuschneiden. Dazu können sie
vorhandene Verfahren und Erfahrungen nutzen, sich aneignen und weiterentwickeln,
aber nicht "fremde" Verfahren einfach übernehmen und anwenden.
Nur wenn man selbst einen Sinn im Feedback sieht und hinter den Zielen
steht, die mit ihm erreicht werden sollen, wird man es auch ernsthaft
durchführen und an den Ergebnissen interessiert sein. Wichtig ist
es deshalb, vorab gemeinsam Funktion und Sinn von Feedback zu klären.
Und: SchülerInnen sollten deshalb möglichst früh an der
Formulierung der Feedback-Fragestellungen und -Kategorien mitarbeiten.
Nur wenn sie die Bedeutung des Feedbacks sehen und Erfolge bzw. Selbstwirksamkeit
erfahren; wenn sie sehen, dass aktuell bestehende Probleme durch Feedback
gelöst oder ohnehin anstehende Fragen geklärt werden dann
werden sie Feedback schätzen.
Feedback muss als unterrichtsbegleitender oder -integrierter Prozess
eingerichtet werden, um Erfahrungen und (Miss-)Erfolge so reflektieren,
dass relevante Veränderungen formuliert und umgesetzt werden können.
Zudem können Feedbackkompetenzen nur in einem längeren Prozess
ausgebildet werden. Feedbackgespräche werden also idealiter konsequent
regelmäßig durchgeführt und so als gewohntes Ritual
veralltäglicht. (Punktuelle "Einmal"-Feedbacks weisen demgegenüber
vielfältige Nachteile auf. Sie betonen Negatives, sind nach dem
Motto "jetzt schlagen wir zurück" oft sehr heftig, werden falsch
interpretiert oder können nicht interpretiert werden, verpuffen
folgenlos etc.)
Bei der Auswertung von Feedbackergebnissen ordnen LehrerInnen und SchülerInnen
die im Feedback angesprochenen Themenaspekte zunächst inhaltlich,
um sie dann zu priorisieren. Anschließend konkretisieren und klären
sie den dringlichsten Aspekt in einem intensiven Auswertungsgespräch.
Dies Vorgehen hilft gegen unübersichtliche Datenfülle und
reduziert den Zeitaufwand.
Die Qualität des Feedbacks und seiner Folgen steht und fällt
unabhängig vom je verwendeten Ver-fahren mit der Qualität
der Feedbackgespräche. Deshalb ist es unabdingbar, diese Gespräche
methodengestützt zu führen und zu moderieren. Die strategische
Leitlinie von Feedbackgesprächen besteht darin, das Gemeinsame
der unterschiedlichen Standpunkte und Sichtweisen zu finden, um zu gemeinsamen
Problemformulierungen und -lösungen zu kommen. SchülerInnenäußerungen
werden sachlicher und qualifizierter, wenn sich SchülerInnen zunächst
in Kleingruppen untereinander verständigen, um in einem zweiten
Schritt erst den LehrerInnen Feedback über Unterricht zu geben.
Äußerst hilfreich ist es schließlich, den Feedbackprozess
durch Mitvisualisieren der Gespräche zu dokumentieren. So entsteht
ein klassenöffentliches Prozessprotokoll, das weiteren Feedbacks
eine sachliche Grundlage verschafft, weil (a) die Beteiligten später
vor Augen haben, was überhaupt passiert ist, und sehen, wie weit
sie bisher gekommen sind und wo Schwierigkeiten liegen; (b) alle Aussagen
aller Beteiligten sichtbar ernst genommen und einbezogen werden - was
viel emotionale Spannung nimmt. 
Literatur
Bastian, Johannes (1998): Schülerinnen und Schüler als Lehrende.
Oder: Lernen durch Lehren. In: PÄDAGOGIK, 49. Jg. Heft 11, S. 11
ff
Bastian, Johannes, Arno Combe und Roman Langer (2000): SchülerInnen-Feedback
als Beitrag zur Demokratisierung der Schulentwicklung. Methodenreader.
Unveröffentlicht. Hamburg.
Burkard, Christoph/ Eikenbusch, Gerhard (2000): Praxishandbuch Evaluation
in der Schule. Berlin
Hermann/Höfer (1999): Evaluation in der Schule Unterrichtsevaluation.
Gütersloh
Strittmatter (1999): Werkzeuge für das SchülerInnen-Feedback.
Sursee
Strittmatter (2000): Worauf bei Selbstevaluation zu achten ist. Ein
Forschungsbericht. Sursee
1Die Fragen resultieren aus einem VerstŠndnis von SchŸlerInnenfeedback,
das sich von bekannten VerstŠndnissen unterscheidet, die Feedback als
einseitige LehrerInnenbewertung durch Zensurenvergabe in vorgegebenen
Kategorien begreifen ("einmal den Spie§ umdrehen") und Unterrichtsevaluation
in Form punktueller Umfrageaktionen mit Ankreuzfragebšgen durchfŸhren.
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