Das OK-Modell

Tätigkeitsorientierte Musikpädagogik

Zentraler Bestandteil der Lehrtätigkeit ist das Planen, Durchführen und Auswerten von Unterricht. Beim Planen von Unterricht muss der Lehrer - nach Möglichkeit in Absprache mit den betroffenen Schülern - zahlreiche aufeinander abgestimmte Entscheidungen treffen, und dabei muss er zahlreiche Bedingungen berücksichtigen. Bei der Planung von tätigkeitsorientiertem Unterricht ist besondere Aufmerksamkeit den musikalischen Tätigkeiten zu widmen, auf die sich die Lerntätigkeit der Schüler richten soll.


Daumen

Bedingungen, die berücksichtigt werden müssen

 

1. Voraussetzungen auf Seiten der Schüler

Kompetenz

Welche Kenntnisse und Fähigkeiten haben die einzelnen Schüler der Lerngruppe?
Welche Tätigkeiten kennen sie, welche beherrschen sie bereits?

Motivation

Welche Bedürfnisse und Interessen haben die einzelnen Schüler der Lerngruppe?
Welche Tätigkeiten möchten sie kennenlernen, welche möchten sie sich aneignen?

Die Lernvoraussetzungen der Schüler sind dem Lehrer zwangsläufig nur ausschnittsweise bekannt. Außerdem verändern sie sich unaufhörlich. Daher ist die Diagnose von Fähigkeiten und Interessen der Schüler (durch Gespräche, Fragebögen, Beobachtungen usw.) eine ständige Aufgabe des Lehrers. Am sinnvollsten ist der Einsatz diagnostischer Methoden dann, wenn er sich auf die Inhalte des geplanten Unterrichts richtet.

 

2. Voraussetzungen auf Seiten des Lehrers

Kompetenz

Welche Kenntnisse und Fähigkeiten hat der Lehrer?
Welche Tätigkeiten kennt er, welche beherrscht er?

Motivation

Welche Bedürfnisse und Interessen hat der Lehrer?
Welche Tätigkeiten übt er gerne aus, welche macht er gerne zum Unterrichtsgegenstand?

Nicht immer ist sich der Lehrer der eigenen Lehrvoraussetzungen bewusst. Insbesondere eigene Vorlieben und Interessen können Unterrichtsentscheidungen außerhalb rationaler Kontrolle beeinflussen. Daher ist auch die Diagnose der eigenen Voraussetzungen (allein oder im Gespräch mit Kollegen) eine ständige Aufgabe des Lehrers. Im Gegensatz zu den Lernvoraussetzungen der Schüler können fehlende Lehrvoraussetzungen in gewissem Umfang kompensiert werden (z.B. kann man durch Fortbildung fehlende Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben).

 

3. Voraussetzungen auf Seiten der Institution

Möglichkeiten

Welche Ressourcen an Zeit, Raum, Material und Personal stehen zur Verfügung?
Welche Tätigkeiten werden innerhalb der Schule oder in erreichbarer Nähe ausgeübt?

Grenzen

Welche Vorschriften, Regularien und Rituale von Schule, Staat und Gesellschaft schränken den Handlungsspielraum von Lehrer und Schülern ein?
Ist der geplante Unterricht obligatorisch (Pflichtunterricht) oder fakultativ (Wahlangebot)?

Institutionelle Vorgaben müssen nicht unbedingt als gegeben hingenommen werden. Ressourcen können nötigenfalls beschafft, hinderliche Regeln nötigenfalls revidiert werden. In jedem Fall fördert es die Selbstständigkeit der Schüler, wenn sie nicht nur die ihnen eingeräumten Freiräume und die ihnen gesetzten Grenzen, sondern auch die des Lehrers kennen. Daher ist es eine ständige Aufgabe des Lehrers, den Schülern die institutionellen Vorgaben transparent zu machen.

Die Bedingungen auf Seiten der Schüler, des Lehrers und der Institution müssen bei der Planung von Unterricht berücksichtigt werden. Das heißt aber nicht, dass sie bestimmte Entscheidungen erzwingen.


Daumen

Entscheidungen, die getroffen werden müssen

 

1. Ziele

a) kurzfristige Ziele

Welche fachlichen und allgemeinen Zielen sollen in der Stunde bzw. Unterrichtseinheit erreicht werden?
Welche Tätigkeiten, Handlungen oder Operationen sollen die Schüler kennenlernen, welche Kenntnisse, Fähigkeiten oder Einstellungen sollen sie erwerben?

b) langfristige Ziele

Zu welchen fachlichen und allgemeinen Zielen soll die Stunde bzw. Unterrichtseinheit beitragen?
In welchem Tätigkeitsbereich sollen sich die Schüler orientieren, welche Kompetenzen oder Haltungen sollen sie erwerben?

Der Unterricht muss zur Annäherung an mindestens eines der folgenden langfristigen Ziele beitragen:

  • Kennenlernen einer repräsentativen Auswahl musikalischer Tätigkeiten
  • Begründete Wahl musikalischer Tätigkeiten
  • Erwerb der für die gewählten Tätigkeiten erforderlichen Fähigkeiten
  • Ausübung der gewählten Tätigkeiten
  • Interesse für unbekannte musikalische Tätigkeiten
  • Kennenlernen von Alternativen zu bekannten musikalischen Tätigkeiten

 

2. Inhalte

a) Themen

Mit welchen Fragen und Problemen sollen sich die Schüler beschäftigen?

b) Gegenstände

Mit welchen natürlichen oder künstlichen, materiellen oder ideellen Gegenständen oder Sachverhalten sollen sich die Schüler beschäftigen?

c) Tätigkeiten

Auf welche Tätigkeiten oder Handlungen oder Operationen soll sich die Lerntätigkeit der Schüler richten?

Die Inhalte müssen so ausgewählt werden, dass die Auseinandersetzung mit ihnen der Annäherung an die jeweiligen Ziele dient.

  • Geht es um Entscheidungshilfe bei der Auswahl musikalischer Tätigkeiten, dann sollte sich der Unterricht auf musikalische Tätigkeiten richten, die für die Schüler zugänglich sind
  • Geht es um Erfahrungshintergrund für die Ausübung musikalischer Tätigkeiten, dann sollte der Unterricht exemplarisch mit musikalischen Erscheinungen bekannt machen, die den Schülern noch wenig vertraut sind.
  • Geht es um Kompetenzerwerb für musikalische Tätigkeiten, für die sich die Schüler entschieden haben, dann sollte der Unterricht möglichst polyvalente Fähigkeiten vermitteln.

 

3. Methoden

a) Handlungsform

Welche Operationen und Handlungen sollen Schüler und Lehrer jeweils ausführen?

b) Sozialform

Wie sollen die Schüler miteinander und mit dem Lehrer kommunizieren und kooperieren?

c) Zeiteinteilung

Wie soll die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit genutzt werden?

d) Raumnutzung

Wie soll der zur Verfügung stehende Unterrichtsraum benutzt werden?

e) Medieneinsatz

Wie sollen die zur Verfügung stehenden Unterrichtsmedien genutzt werden?

f) Auswertung

Wie sollen Schüler und Lehrer jeweils überprüfen, wie erfolgreich die Lehrtätigkeit des Lehrers und die Lerntätigkeit der Schüler sind?

g) Didaktische Prinzipien

Handlungsorientierung: Welche Handlungsmöglichkeiten sollen die Schüler erhalten?

Erfahrungsorientierung: An welchen Erfahrungen der Schüler soll der Unterricht anknüpfen?

Schülerorientierung: Welchen Freiraum für eigene Entscheidungen sollen die Schüler erhalten?

Die Methoden müssen so ausgewählt werden,

  • dass ihre Verwendung der Annäherung an die jeweiligen Ziele dient,
  • dass die vorhandenen und beschaffbaren Ressourcen ausreichen,
  • dass der Erfahrungsschatz der Schüler optimal genutzt wird,
  • und dass den Schülern soviel Handlungsmöglichkeit und Entscheidungsfreiraum geboten wird, dass sie weder über- noch unterfordert sind.