Bildung ist die Entfaltung des Einzelnen und hat etwas mit
der persönlichen Entwicklung zu tun, sollte man meinen.
Sie ist also etwas anderes als eine Dienstleistung, die man
in eine Reihe stellen könnte mit Versicherungen und
Banken, mit Wasserversorgung und Transport. Was hat Bildung
mit den Regeln des freien Handels mit Dienstleistungen zu
tun? Noch gilt bei uns der Grundsatz, dass der Zugang zu
Bildung jedem nach seinen Fähigkeiten möglich sein
muss, dafür hat der Staat zu sorgen.
Die 1995 gegründete Welthandelsorganisation, WTO,
hat mit dem GATS, dem General Agreement on Trade in
Services, Regeln für den freien Handel mit
Dienstleistungen aufgestellt. Für sie ist Bildung einer
von elf Dienstleistungsmärkten, auf dem staatliche und
private, in- und ausländische Anbieter frei
konkurrieren sollen. Vom Kindergarten bis zur
Erwachsenenbildung, vom Sprachkurs bis zur privaten Schule
oder Hochschule, Studentenaustausch und Kurse im Internet,
die Beschäftigung ausländischer Lehrer und
Wissenschaftler all das fällt unter die
Bestimmungen des Handelsabkommens.
Ich betrachte
GATS als einen ganz wichtigen Hebel zur Bildungsreform, weil
wir nur durch den Druck von außen, der durch eine gute
Lehre erzeugt wird, eine gute akademische Lehre unsere
Hchschulen verbessern können.
... meint
Professor Ulrich van Lith, der Vorstandsvorsitzende des
Rhein-Ruhr-Instituts für Wirtschaftspolitik. Er ist ein
strikter Befürworter der Liberalisierung. Private
ausländische Anbieter von Bildungsdienstleistungen
sollen nach seiner Auffassung den einheimischen staatlichen
gleich gestellt werden. Dann müssen deutsche
Hochschulen sich der Konkurrenz privater Hochschulen aus
den USA oder anderen Ländern stellen. Ihr Produkt, also
Hochschullehre, würde dadurch besser, hofft van
Lith.
Auf der anderen Seite stehen die Kritiker der
Globalisierung. Die Marktöffnung treibt die
Privatisierung des Bildungswesens voran, und das bedeute
wachsende soziale Ungleichheit, meint Rene Schuijlenburg,
der Sprecher der internationalen Initiative education
is not for sale:
Unsere Aufgabe ist es, dem
entgegen zu treten. Wenn man sieht, wo es schon
Bildungsmärkte auf nationaler Ebene gibt, in den USA
oder England, sieht man, dass die Schulden immer weiter
ansteigen von Familien aus der Mittelklasse; und in den USA
ist es bei den niedrigen Einkommen so, dass die Ausgaben
für die Studiengebühren ihrer Kinder von 13 auf 26
% des Bruttoeinkommens angestiegen ist.
Nach dem
GATS gilt für alle Dienstleistungsbereiche das
Meistbegünstigungsprinzip, also die Verpflichtung,
keinen ausländischen Marktteilnehmer schlechter als die
Anbieter anderer Staaten zu behandeln. Darüber hinaus
stand es den Unterzeichnern frei, für einzelne
Dienstleistungssektoren weitergehende Verpflichtungen
einzugehen, nämlich Ausländer mit Inländern
vollständig gleich zu behandeln und ihnen den vollen
Marktzugang zu öffnen. Der Kasseler Politologe
Christoph Scherrer hat das GATS auf seine Auswirkungen
für die Bundesrepublik untersucht.
Zunächst muss man festhalten, dass sich die EU und
damit auch Deutschland gegenüber den Handelspartnern in
der WTO, über 140 Nationen, verpflichtet hat zur
Marktöffnung und zur Gleichbehandlung von Anbietern aus
diesen Ländern, in einem Sektor vor allem, der damals
noch gar nicht sichtbar war, das ist die
Dienstleistungserbringung über die Grenze hinweg, ohne
dass sich eine Person bewegt, die Bildungsdienstleistung
über das Internet. Das ist ein Bereich, der sich sehr
rasch entwickelt hat und in Zukunft noch weiter sich
entwickeln wird. Durch die Verpflichtung, die die EU
eingegangen ist, ist sie dadurch auch gebunden,
amerikanische Anbieter, die auf diesem Markt am
stärksten vertreten sind zuzulassen.
Nur 44
Staaten haben derartige Verpflichtungen für den
Bildungsbereich unterschrieben, darunter die damalige
Europäische Gemeinschaft. Die EG und heute die EU hat
ihre Mitgliedsstaaten vom Primarbereich bis zur
Erwachsenenbildung zur Marktöffnung und
Gleichbehandlung der ausländischen Anbieter mit
Inländern verpflichtet. Das größte
Bildungsexportland dagegen, die USA, hat seinen
Hochschulsektor nicht der ausländischen Konkurrenz
geöffnet.
Die Europäische Gemeinschaft hat aber
zwei Ausnahmen eintragen lassen. Freier Marktzugang muss
nicht gewährt werden bei Diensten, die im staatlichen
Interesse erbracht werden.
Die zweite Ausnahme: Die
EU-Mitglieder behalten sich vor, selbst zu entscheiden,
welche Anbieter sie subventionieren wollen und welche nicht.
Also nicht jeder, der eine Hochschule eröffnet oder
einen Kindergarten, bekommt automatisch die Gelder aus der
Hochschulbauförderung oder der Jugendhilfe. Diese
Klausel möchten die USA und andere Länder
gestrichen sehen.
Würde die Ausnahmeklausel der EU nicht mehr
gelten, dann könnten nicht mehr Kultusminister und
Parlamente entscheiden, welche Hochschulen das Land braucht
und deshalb auch finanziert. Selbst jemand, der die zehnte
Business-School in Düsseldorf eröffnet, hätte
Anspruch darauf, mit der Düsseldorfer Universität
finanziell gleich gestellt zu werden. Denkbar wäre dann
eine andere Art der Finanzierung. Schulen oder
Universitäten würden nicht mehr direkt vom Staat
finanziert, sondern der Staat würde jedem Anbieter, ob
staatlich oder privat, ob Stiftung oder GmbH, einen festen
Betrag pro betreutem Schüler oder Studenten
auszahlen.
Man mag darüber streiten, ob ein solches
Gutscheinsystem einen Leistungsanreiz bietet oder ob es
nicht vielmehr einen Verzicht auf politische und
demokratisch legitimierte Gestaltung darstellt. Nicht die
bildungspolitischen Argumente zählen, sondern nur das
Gebot des Freihandels.
Ob mit oder ohne GATS, es gibt
längst einen gigantischen Bildungsmarkt. 1,9 Billionen
US-Dollar werden weltweit jährlich für Bildung
umgesetzt, schätzt die OECD. Noch verbleibt davon ein
großer Teil in staatlichen Einrichtungen, aber die
Zahl macht deutlich, dass dieser Sektor noch ein riesiges
Marktpotential bietet. 30 Milliarden US-Dollar Einnahmen
erzielten 1999 die OECD-Staaten allein im Handel mit
Hochschuldienstleistungen, das macht immerhin drei Prozent
der gesamten Dienstleistungsbilanz aus.
Auch der
transnationale Handel mit Bildung entwickelt sich
schwunghaft. In den USA erwarben ausländische
Studierende im letzten Jahr Bildungsdienstleistungen im Wert
von 13,6 Milliarden Dollar. Studieren im Ausland ist bislang
noch der wichtigste Faktor im internationalen
Bildungshandel.
Wir exportieren und kommerzialisieren Forschung und
zunehmend auch Lehr-Dienstleistungen. In Australien bekommen
die Hochschulen weniger als die Hälfte ihrer Einnahmen
vom Staat. Der Rest kommt aus Studiengebühren und von
externen Einrichtungen, also aus der Wirtschaft, zum
Beispiel durch Beratungsdienste. Australische
Universitäten sind daher sehr erfahren im Vermarkten
von Hochschulbildung...
... meint Judie Wells, eine
Vertreterin der australischen Hochschullehrergewerkschaft.
Australische Hochschulen werben in Südostasien
Studierende an, die dann für die Universitäten
Gewinn bringende Studiengebühren bezahlen müssen.
In Australien machen die Einnahmen durch ausländische
Studierende rund 12 Prozent der Außenhandelsbilanz
aus, das ist der drittgrößte Posten. Die USA
sind Spitzenreiter beim Vermarkten ihrer Studienangebote,
gefolgt von Australien und Großbritannien. Geht man
nur von der Zahl der Studierenden aus, die ins Land kommen,
so nimmt Deutschland schon den dritten Platz ein. Doch da
hierzulande auch ausländische Studierende keine
Gebühren zahlen müssen, von wenigen Ausnahmen
abgesehen, schlägt sich das nicht direkt in der
Handelsbilanz nieder, obwohl diese Studierenden auch als
Konsumenten Geld ins Land bringen.
Immer wichtiger wird
die Lieferung von Kursen und Abschlüssen über das
Internet. Darüber erschließt sich weltweit ein
Markt von Hunderten von Millionen möglicher Kunden.
Zwei Drittel der über 3000 amerikanischen Hochschulen
verkaufen Lehrgänge auf diese Weise. Berufstätige
können sich fern von der realen Universität weiter
qualifizieren. Neben den real existierenden Hochschulen
haben sich rein virtuelle auf dem Markt etabliert,
kommerzielle Unternehmen wie zum Beispiel die Phoenix
University. Ihr Campus existiert nur im Netz, ihr Wert wird
an der Börse bestimmt.
Für die Zulassung von Hochschulen und
Studienangeboten, für die Anerkennung von
Abschlüssen gibt es keine weltweiten Standards, und die
kann auch eine Handelsorganisation wie die WTO nicht
schaffen. Eine Marktöffnung, ohne dass zuvor allgemein
verbindliche und überprüfbare
Qualitätsmaßstäbe vereinbart wurden,
würde zu einem Wettlauf um das niedrigste
Niveau führen, befürchten Vertreter der
amerikanischen Vereinigung der Hochschullehrer.
In Deutschland gibt es seit langem private Schulen, doch
kaum auf kommerzieller Basis. Auch durch die wenigen
privaten Hochschulen wird das System öffentlicher
Bildungsversorgung nicht in Frage gestellt. Der Markt
für teure Privathochschulen mit Studiengebühren
bis zu 10 000 Euro im Jahr ist eng, solange es
einigermaßen funktionierende gebührenfreie
öffentliche Hochschulen gibt. Das würde sich
ändern, wenn der erwähnte Subventionsvorbehalt
gegenüber dem Dienstleistungsabkommen GATS aufgehoben
wird. Dann könnten private Hochschulen die Finanzierung
der öffentlichen Hochschulen als unzulässige
Subventionierung ansehen und auf Gleichbehandlung klagen.
Ausländische Anbieter sind vor allem auf dem ohnehin
privaten Weiterbildungsmarkt anzutreffen. Da gibt es etwa
das US-amerikanische Institute for International
Research, IIR [Ai ai Ah] mit einer Filiale in der
Nähe Frankfurts, das führend im Bereich der
Managementschulungen ist. Unter den Hochschulen gilt die
International University of Bremen als eine Art
Filialunternehmen der texanischen Rice-University.
Schließlich geht es noch um das Entsenden von
Personal, etwa Sprach-Lehrern, ins Ausland. Auch das spielt
bisher keine große Rolle.
Ein riesiger neuer Markt öffnet sich in den
Entwicklungs-ländern. Auch deutsche Hochschulen wollen
dort aktiv werden. Flaggschiff des deutschen Bildungsexports
ist die German University of Cairo, die im Oktober von
Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet wird. Sie
bietet vor allem natur- und ingenieurwissenschaftliche
Studiengänge an. Etwa 1000 Studierende sollen in den
acht Studiengängen anfangen. Unterrichtet wird auf
Englisch, doch die Hälfte der Hochschullehrer kommt,
ebenso wie die Konzepte für die Studiengänge, von
den Universitäten Stuttgart und Ulm. Sie wurden nach
Marktanalysen speziell für den Bedarf der Unternehmen
im Nahen und Mittleren Osten zugeschnitten. Die deutsche
Neugründung muss sich dort der Konkurrenz mit einer
seit langem dort arbeitenden amerikanischen Hochschule
stellen. Professor Hans Wolff, Rektor der Universität
Ulm und stellvertretender Vorsitzender des Kairoer
Hochschulkuratoriums:
Diese Studiengänge gibt es
zum Teil weder bei uns, oder nur an ganz wenigen
Plätzen einschließlich der American University,
die ganz anders aufgestellt ist, mehr in Philologien etc.
wir sind ja technisch orientiert. Diese Studiengänge,
Biotechnology um nur ein Beispiel zu nehmen, gibt es im
Augenblick nicht.
Der zweite Punkt ist: Wenn Sie
mit 800, 900, 1000 Studenten rechnen und die auch haben
wollen, weil Sie ein großes Projekt machen wollen,
werden Sie scheitern, wenn Sie Deutsch als
Unterrichtssprache verlangen würden.
Das
Studium an der deutschen Universität in Kairo wird
nicht billig: Die Studiengebühren betragen zwischen 15
000 und 26 000 ägyptischen Pfund im Halbjahr, also
zwischen 2000 und 3500 Euro.
Die Bundesregierung
fördert rund 30 weitere deutsche Studienangebote im
Ausland, von mehrwöchigen Kursen über einzelne
Studiengänge, die in Kooperation mit Firmen und
Hochschulen vor Ort angeboten werden bis zur Gründung
von Filialhochschulen, etwa der TU München in Bangkok
und der TH Aachen in Shanghai.
In den nächsten 20
Jahren werde sich die Nachfrage nach ausländischen
Studienangeboten vervierfachen, mutmaßt
DAAD-Generalsekretär Christian Bode, dessen
Organisation dieses Förderprogramm betreut. Deshalb sei
es höchste Zeit, mit eigenen Angeboten den
marktbeherrschenden Australiern, Briten und Amerikanern
Paroli zu bieten.
Unsere Studienangebote sollen
unternehmerisch geplant sein, d.h, nach einer gewissen Zeit
sollen sie sich auch von selbst tragen. Kennzeichen vieler
Studiengänge ist, dass sie eine enge Kooperation mit
der Wirtschaft eingegangen sind und große
Stipendienpakete einwerben konnten.
...
erläutert Christian Thimme, der Projektleiter des
Deutschen Akademischen Austauschdienstes. Von diesen
off-shore-Gründungen könne man hierzulande lernen,
dass sich die Dienstleistung Studium durchaus kostendeckend
verkaufen lässt, meint Thimme. Genau das
befürchten die GATS-Kritiker hier werde die
Privatisierung und Vermarktung der deutschen Hochschulen
geprobt.
Trotz der deutschen Interessen, selbst Bildung zu
exportieren, sei es nicht nötig, sich international zur
Marktöffnung zu verpflichten, meint man beim DAAD. Man
sei bisher mit den eigenen Bildungsangeboten auf keine
Beschränkungen in den Partnerländern
gestoßen.
Entwicklungsländer haben nur ein schwach
entwickeltes staatliches Bildungssystem. Der Internationale
Währungsfonds IWF drängt sie, ihre Staatsausgaben
herunter zu fahren, damit sie ihre Schulden
zurückzahlen und ihre Währungen stabil halten
können. Gleichzeitig wächst dort die Nachfrage
nach höherer Bildung sprunghaft. Ausländische
Anbieter könnten diese Nachfrage decken. Doch damit
ruinieren sie zugleich die zarten Pflänzchen eigener
Bildungseinrichtungen, fürchten Bildungspolitiker aus
den Entwicklungsländern und Globalisierungskritiker in
den Industrienationen.
Auf einer UNESCO-Konferenz
über die Auswirkungen der Globalisierung der
Hochschulbildung auf den Nord-Süd-Dialog kamen diese
Befürchtungen zur Sprache.
Was aus den Universitäten ein Werkzeug der
Entwicklung macht, ist ihre Fähigkeit, die
Bedürfnisse und Träume ihrer eigenen Gemeinschaft
anzusprechen. Deshalb müssen sie eine kulturelle
Identität haben, müssen mit ihrer Gesellschaft
verbunden sein, in die Gemeinschaft eingebettet sein, in der
sie sind. Im europäischen Bildungssystem gibt es diesen
Zusammenhang....
... meint Lidia Brito. Sie ist die
Hochschulministerin von Mosambik. Dennoch gibt es für
sie zur Marktöffnung keine Alternative. Ihr Land muss
die wenigen Mittel, die es für Bildung hat, zuerst in
die Elementarbildung stecken. Nicht die
Welthandelsorganisation, sondern die UNESCO als weltweite
Organisation für Bildung und Kultur müsse für
faire Regeln im Bildungshandel sorgen, damit die
Entwicklungsländer nicht überfahren werden. Dazu
John Daniel, der für Bildungsfragen zuständige
stellvertretende Generalsekretär der UNESCO:
Der
Handel mit Bildung findet statt, und da wäre es besser,
wenn er geregelt wird und wenn die Leute auch wüssten,
welche Regeln gelten. Ich selbst halte mehr von weltweiten
Abkommen als von bilateralen Vereinbarungen, denn die
erlauben dem stärkeren Partner immer, das bessere
Geschäft zu machen.
In Deutschland sind sich
die Kultusminister und das Bundesbildungsministerium,
Hochschulrektoren und Parlamente in Sachen GATS einig: Die
europäische Union soll keine weiteren Verpflichtungen
zur Öffnung der Bildungsmärkte eingehen. Und in
der Tat gehen die EU-Staaten mit dieser Position in die
Verhandlungsrunde in Cancun: Im Sektor Bildung will man sich
nicht weiter verpflichten, und man werde die bestehenden
Vorbehalte nicht aufgeben, Dienstleistungen im
öffentlichen Interesse auch weiterhin in staatlicher
Hoheit zu regeln.
Eigentlich also ein Grund zur
Zufriedenheit für die GATS-Kritiker, sollte man meinen.
Doch sie bleiben skeptisch:
Erstens sind die
Verhandlungen sind nicht vorüber, man weiß nicht,
ob nicht noch ne Menge passieren wird. Zweitens ist es so,
dass bei GATS immer neue Verhandlungsrunden kommen werden,
so ist es im Vertrag festgeschrieben, das heißt,
selbst wenn bei dieser Rund die EU keine weiteren
Zugeständnisse im Bildungssektor machen würde,
heißt das noch lange nicht, dass es nicht bei einer
nächsten Runde passieren würde, von daher fordern
wir, dass Bildung komplett aus dem GATS-Vertrag
herausgenommen wird...
...meint René
Schuijlenburg vom studentischen Bündnis education
is not for sale. Die Befürchtung, dass im Laufe
der Verhandlungen über das gesamte Freihandelspaket der
Schutz des staatlichen Bildungssystems geopfert werden
könnte, um dafür etwa die Schutzzölle
für Agrarprodukte zu erhalten hat neue Nahrung
bekommen. Im Entwurf zur neuen EU-Verfassung ist
nämlich vorgesehen, die Rechte der Mitgliedsstaaten in
Bildungsfragen weiter zu beschneiden. Bisher müssen die
EU-Mitglieder einstimmig entscheiden, wenn die EU-Kommission
mit ihrer Handelspolitik Fragen der Kultur, Bildung und der
Medien beeinflusst, wie es bei GATS der Fall ist. Dieser
Vorbehalt würde nach Inkrafttreten der EU-Verfassung
nicht mehr gelten.
Das würde den
Verhandlungsspielraum des EU-Handelskommissars Pascal Lamy
enorm erweitern. Will die EU in den GATS-Verhandlungen etwa
ihre Agrarsubventionen erhalten, könnte sie dafür
den Hochschulmarkt öffnen, will sie Liberalisierungen
im Bereich des Stahlhandels durchsetzen, könnte sie
dafür die mächtigen US-Testing-Agenturen in Europa
zulassen. Und da die Mehrheit in der europäischen Union
ein vitales Interesse an der Ausweitung des Freihandels hat,
wird selbst ein grüner Außenminister nicht wegen
einiger Zugeständnisse beim Abbau öffentlicher
Dienstleistungen die Zustimmung zum Gesamtpaket
verweigern.
Die staatliche Finanzierung von privaten
Hochschulen und Schulen, die Einführung von
Studiengebühren oder Gutscheinsystemen, die
Subventionierung von Theatern und Museen, alles ist
vorstellbar. Man weiß noch nicht, was im Laufe der
Verhandlungen von GATS auf den Tisch kommt, welche Deals
geschlossen werden Agrarsubventionen erhalten,
dafür den Hochschulmarkt öffnen, amerikanische
Testing-Agenturen zulassen, dafür die
US-Stahlzölle abbauen all das ist nicht das
Hirngespinst von Globalisierungsgegnern, sondern die
ausdrückliche Handlungsmaxime der
Welthandelsorganisation.