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Frankfurter Rundschau 18. Juni 2003

Global-Galopp
Unesco und Bildungshandel

Von Karl-Heinz Heinemann

 

Hilary Beckles, Rektor der Universität von Westindien und Instituts-Direktor auf Barbados, flüchtete in die Bildsprache: Die Unesco versuche, ein galoppierendes Pferd zu zähmen. Er habe wenig Hoffnung, dass die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung und Wissenschaft den wilden globalen Bildungsmarkt bändigen könne. John Daniel, für Bildung zuständiger Vize-Generalsekretär bei der Unesco, widersprach pflichtschuldig bei der Konferenz seiner Organisation zum Thema "Globalisierung und Hochschulbildung - Implikationen für den Nord-Süd-Dialog" in Oslo.

Von den armen Ländern fordert die Weltbank, die Bildungsausgaben zu reduzieren und eigene Universitäten aufzugeben. Schließlich gebe es Privatanbieter, so die Logik der Weltbank. Ihr Vertreter versprach in Oslo ein Umdenken. Dem müsse erst mal neues Geld folgen, winkten die Teilnehmer aus Entwicklungsländern ab. Heftig kanzelten sie den Handel mit Bildung ab, der als Teil des Dienstleistungshandels im General Agreement on Trade in Services (GATS) geregelt ist.

In den karibischen Staaten, so hieß es, entwickele sich der Hochschulmarkt besonders energisch. Allein 94 US-amerikanische Universitäten seien inzwischen mit Niederlassungen präsent. Sie böten Schnellkurse an und versprächen den Absolventen, sie könnten auf dem US-Arbeitsmarkt reüssieren - dagegen muss Beckles' Staatsuniversität mit immer weniger Geld auskommen. Sie gerate im Konkurrenzkampf um zahlungswillige Studierende ins Hintertreffen.

Auf allen Kontinenten findet das "galoppierende Pferd" viel Auslauf. In China hat sich mehr als jeder dritte Studierende in den blitzschnell entstandenen privaten Einrichtungen eingeschrieben, zu denen auch deutsche Filialhochschulen, etwa in Shanghai, zählen. Die Zahl der Studierenden, die aus Entwicklungsländern in die westlichen Metropolen kommen, wächst rasant. Allein die USA nehmen jährlich rund zehn Milliarden Dollar von ausländischen Studierenden ein - an Gebühren und durch täglichen Konsum der Gäste.

Auf den Philippinen seien die Studiengebühren in den letzten 20 Jahren um 240 Prozent gestiegen, berichtet ein Studentenvertreter von dort. Während die Welthandelsorganisation sich um ungehinderten Marktzugang der Anbieter kümmere, blieben die Rechte der "Konsumenten" auf der Strecke. Wer überprüft die Qualität des Angebots? Wer verhindert einseitige Entwicklungen - dass Wissenschaftszweige wie Geistes- und Sozialwissenschaften oder kostenintensive Naturwissenschaften unzureichend gefördert werden? Wer prangert an, dass ländliche Regionen ohne Telefon und Internet nicht am virtuellen Lernangeboten teilhaben können?

Hier bietet sich die Unesco an. Kostenlose Bildung, so steht es in der Deklaration der Menschenrechte, ist ein Grundrecht - zumindest, was Elementarbildung angeht. Bildung sei ein öffentliches Gut, meint Unesco-Mann John Daniel. Aber eben auch Ware und Handelsgut. Das sei nicht mehr zu verhindern. So bleibe der Organisation die Aufgabe, etwa mit dem "Vorurteil" unsozialer Studiengebühren aufzuräumen. Man ziehe mit der Welthandelsorganisation an einem Strang, wenn es um die Öffnung der Bildungsmärkte gehe.

Ihr Dilemma beschrieb Lidio Brito, die Hochschulministerin Mozambiques, in ihrem Eröffnungsreferat. Hochschulen sollten dazu beitragen, eine demokratische Kultur im Land zu entwickeln, die Beteiligung von Frauen zu fördern, eine nationale Identität herauszubilden. Doch es fehle das Geld für eigene Hochschulangebote. Also müsse man private ausländische Anbieter zulassen. Die meisten Regierungsvertreter plädierten dafür, die Unesco solle auf Regeln des "fairen Handels" dringen. So etwas existiert im Ansatz schon. Für fünf Regionen, darunter Europa und Nordamerika, gibt es Unesco-Konventionen zur gegenseitigen Anerkennung von Studiengängen und zur Sicherung von Qualitätsstandards. Nur die Bundesrepublik hat sie noch nicht ratifiziert.

[ document info ] Copyright © Frankfurter Rundschau 2003 Dokument erstellt am 17.06.2003 um 15:53:47 Uhr Erscheinungsdatum 18.06.2003