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"Unis müssen immer um Unabhängigkeit kämpfen"

Ein Streitgespräch über Bildung als Ware, Studenten als Kunden und die Entfesselung der Hochschulen

Hochschulen zwischen Autonomie und Kommerz: Was muss angesichts
des sich immer stärker abzeichnenden globalen "Bildungshandels" verhindert,
was muss angeschoben werden? Darüber sprach FR-Mitarbeiter Karl-Heinz
Heinemann mit Professor Detlef Müller-Böling, Leiter des von der Bertelsmann-Stiftung
und der Hochschulrektorenkonferenz getragenen Centrums für Hochschulentwicklung
(CHE), und mit René Schuijlenburg, Sprecher des Schüler- und Studentennetzwerks
"education is not for sale", das Bildung als für alle soziale Schichten frei
zugängliches, öffentliches Gut reklamiert.


FR:
Herr Müller-Böling, das CHE arbeitet eng mit Hochschulleitungen und Ministerien
zusammen. Studierendenverbände kritisieren Ihre Einrichtung als "neoliberalen
Thinktank". Nun haben Sie Studierende zum Wettbewerb "Küss die Uni wach"
aufgerufen. Sie sollten Vorschläge zur Hochschulreform beisteuern. Welchen
Eindruck haben Sie vom Ergebnis?
Detlef Müller-Böling: Wir wollten die Studierenden ermuntern,
sich für ihre Hochschulen stärker einzusetzen. Deshalb haben wir einen Wettbewerb
ausgerufen, wie man Hochschulen verbessern kann. Mehr als 200 Studierende
haben 117 Vorschläge eingereicht.
Vorschläge zur Verbesserung der Lehre, zur Studienfinanzierung, zur
Trennung von Forschung und Lehre. Also nichts, was den Rahmen dessen sprengt,
was das CHE bisher gemacht hat.
Müller-Böling: In der Tat sind keine revolutionär neuen Ideen
aufgetaucht. Aber entscheidend ist die Perspektive der Studenten. Es geht
ums Studentensekretariat oder die Auslandsbetreuung, um die Mensa und darüber
hinaus um Vorschläge, was die Studierenden selbst zur Verbesserung des Systems
beitragen könnten.
Herr Schuijlenburg, warum haben Sie und Ihre Initiative "education is not for sale" sich nicht beteiligt?
René Schuijlenburg:
Weil wir eigene Ideen unabhängig vom CHE entwickeln wollen. Wir gehen von
anderen Voraussetzungen aus und wollen grundsätzlich nicht, dass noch weitere
Teile der Bildung dem Markt preisgegeben werden. Wir sehen die Gefahr, dass
Unternehmen etwa durch die vom CHE geförderte "public private partnership"
noch mehr Einfluss auf Schulen und Hochschulen bekommen. Da das CHE eine
Initiative der Bertelsmann Stiftung ist, ist uns das viel zu nah an Konzerninteressen.
Wie unterscheiden sich Ihre Vorstellungen von denen des CHE?
Schuijlenburg: Wir haben uns an das Europäische Sozialforum angeschlossen.
Das wird parallel zur Bologna-Folgekonferenz der europäischen Wissenschaftsminister
im September in Berlin auf einer eigenen Konferenz Ideen aus ganz Europa
zusammentragen. Unser Grundsatz ist, dass Bildung für die Gesellschaft da
ist. Und da stellt sich die Frage: Ist die private Marktwirtschaft für die
Gesellschaft da oder umgekehrt? Wir sind absolut dagegen, wie jetzt "public-private-partnership"
vorangetrieben wird. Es gibt genug schlechte Beispiele aus dem Ausland, wo
diese private Einflussnahme schon weiter gediehen ist. In Kanada etwa arbeiten
Hochschulen mit Microsoft zusammen. Und auf Druck dieses Konzerns ist plötzlich
der Konkurrent Linux in einer Uni verschwunden. Die Gefahr der Einflussnahme
ist real.
Müller-Böling: Das sehe ich genauso. Es kann nicht angehen, dass
die Wirtschaft bestimmt, was in den Hochschulen gelehrt und geforscht wird.
Natürlich besteht die Gefahr, dass es zu Abhängigkeit kommt. In den USA wird
das sehr intensiv diskutiert, und da geht es schon um ganz andere Beträge
als bei uns. Die Universitäten werden immer wieder um ihre Unabhängigkeit
kämpfen müssen. Die wird im Übrigen ja auch nicht durch den Staat garantiert.
Der Staat hat in der Vergangenheit große Fehler in der Regelung von Studiengängen
gemacht. Denken Sie nur an die Informatik. Was da in den letzten zehn Jahren
an Auf- und Abbau veranstaltet wurde, ist nicht gerade ein Zeugnis geballter
Weisheit.
Wobei der Staat nur versuchte, den Signalen des Marktes zu folgen...
Müller-Böling: Der Staat hat die Hochschulen mit einem Geflecht von
Regelungen überzogen. Er hat die Kreativität, die Reaktionsmöglichkeiten,
die Beeinflussbarkeit der Hochschulen durch die Gesellschaft unglaublich
eingeschränkt. Das muss zurückgedrängt werden, deshalb spreche ich von Entfesselung
der Hochschulen.
Schuijlenburg: Im Kampf um private Gelder werden zum Beispiel
Sozialwissenschaften schwer unter Druck geraten. Es sind eben mehr Geldgeber
mit Informatik oder Wirtschaftswissenschaften zu locken. Und so wird zumindest
indirekt Einfluss auf die Lehrangebote genommen.
Herr Müller-Böling, der Kongress, auf dem Sie die Ergebnisse von "Küss
die Uni wach" vorgestellt haben, hieß "Wa(h)re Bildung". Bildung wird zur
Ware. Befördert dieser Prozess eine Kundenmentalität, auf Grund derer man
sich weniger engagiert?
Müller-Böling: Nein, der Student kann kein Kunde sein. Sie werden
keine Äußerung von mir in dieser Richtung finden. Studierende müssen ein
ganz wesentlicher, kreativer Teil der Universität sein.
Schuijlenburg: Ich fürchte, dass es schon ein Teil des Erfolgs
der neoliberalen Strömung ist, dass Menschen sich insgesamt immer mehr als
Kunden sehen, auch in der Universität.
Müller-Böling: Sehen Sie, die Wahlbeteiligung für das Studentenparlament
liegt an einzelnen Hochschulen nur noch zwischen 5 und 10 Prozent. Das ist
eine Katastrophe. Das zeigt doch, dass es so nicht mehr weitergeht. Wir müssen
uns neue Formen überlegen, wie wir die berechtigten Wünsche und Interessen
der Studenten in die Hochschulen einbringen können. Wir müssen auch neue
Wege gehen, Studenten befragen, um ein Bild von ihren Bedürfnissen zu bekommen.
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Hintergründe |
GATS:
Das bei der Welthandelsorganisation verankerte "General Agreement on Trade
in Services" bildet die rechtliche Grundlage für den Ausbau des globalen
Bildungsmarktes (z.B. grenzübergreifendes E-Learning, virtuelle Hochschulen).
Bildung ist demnach private Dienstleistung und gebührenpflichtige Handelsware.
Die staatliche Regulierung von sozialer Chancengleichheit und der Qualität
des Angebots tritt zurück. Die EU dringt bislang auf Ausnahmeregelungen,
um den Markt nicht vollends öffnen zu müssen.
Bologna-Prozess: Bezeichnung für die Bemühungen der europäischen
Wissenschaftsminister, bis zum Jahr 2010 einen einheitlichen Hochschulraum
zu schaffen. Ziele: ungehinderte Mobilität von Studierenden, Anerkennung
von Studienleistungen nach Standards (Modularisierung des Studienangebots,
Credit-Points), Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse, Akkreditierung
von Studiengängen.
Küss die Uni wach:Ideenwettbewerb des Centrums für Hochschulentwicklung
(CHE): Studierende sollten sich angesichts aktueller Herausforderungen (Unterfinanzierung,
Konkurrenz von Privat-Hochschulen, Gebührendebatte, Internationalisierungs-Druck)
mit Vorschlägen "einmischen". Siegerin des Wettbewerbs: Carla Cederbaum,
Studentin an der Uni Cambridge. Sie hinterfragt, ob Hochschulen gleichzeitig
für die Praxis und die Wissenschaft ausbilden können und sollten. Ihr Konzept:
Nach einem einheitlichen Grundstudium und einer Orientierungsprüfung wird
nach "Ausbildungs-" und "Wissenschaftsprofil" differenziert. feu
www.che.de
www.education-is-not-for-sale.org |
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Schuijlenburg:
Das demokratische Prinzip ist außerordentlich wichtig. Die Studierenden und
ihre Gruppen müssen selbst überlegen, warum die Wahlbeteiligung so niedrig
ist, und sie müssen daran arbeiten, dass sich mehr Studenten beteiligen.
Aber man kann doch Wahlen nicht einfach wegen zu niedriger Beteiligung abschaffen.
Müller-Böling: Das habe ich auch nie gefordert. Die geringe Wahlbeteiligung
hat damit zu tun, wie die Gewählten mit ihrem Mandat umgegangen sind. Und
zwar offensichtlich so, dass die Wählerschaft ihre Bedürfnisse im Hinblick
auf das Studium nicht erfüllt gesehen hat. Deshalb könnten wir doch noch
weitere Möglichkeiten der Demokratie und Mitwirkung an der Hochschule entwickeln.
Der Kundenbegriff ist auf das Verhältnis zwischen Student und Universität
nicht anwendbar. Alle Bilder sind irgendwie falsch, aber Sie können es eher
als Arzt-Patient-Verhältnis sehen. Der Arzt kann Ihnen Ratschläge geben,
wie Sie gesund bleiben, aber Sie müssen selbst danach handeln. Sie müssen
selbst die Medizin nehmen, die der Arzt Ihnen verabreicht, es ist Ihr Handeln.
Und auch in der Bildung ist es immer eine Frage des Handelns und des Lernens
der Studierenden selbst. Das ist etwas anderes als ein Kundenverhältnis,
bei dem man sich nur etwas abholt.
Schuijlenburg: Bei "Ware Bildung" denke ich an den weltweiten
Bildungsmarkt, da geht es doch um etliche Milliarden Euro. Der Handel mit
der Ware Bildung wächst, und da sehe ich schon, dass der Student als Kunde
betrachtet wird. Es geht einfach um viel Geld.
Müller-Böling: Die Sprache oder eine bestimmte Wissenschaftsdisziplin
beinhaltet ja immer auch eine bestimmte Sicht auf die Welt. Man kann vieles
in den Hochschulen mit betriebwirtschaftlichen Kategorien fassen. Dort gibt
es mittlerweile auch die Auffassung, dass heute die Ware in besonderer Weise
durch den Käufer beeinflusst wird und erst im Dialog entsteht. Diese Sichtweise
kann ich nachvollziehen. Es bleibt aber dabei: Die Universität hat immer
einen eigenständigen Auftrag, in dem es zwischen Studierenden und Lehrenden
ein ganz besonderes Verhältnis gibt, das nicht mit dem Kaufverhalten im Supermarkt
vergleichbar ist.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2003
Dokument erstellt am 17.06.2003 um 15:53:42 Uhr
Erscheinungsdatum 18.06.2003