Online-Universität
Globales Netz, lokales Geld
Bislang blieb Internet-Universitäten der Erfolg verwehrt - pädagogisch
zu dürftig, wenig interaktiv, für die Teilnehmer zu teuer. Der Soziologe
Manuel Castells trotzt der Flaute des virtuellen Studiums und erprobt von
Barcelona aus ein neues Modell: die exklusive Regionaluni fürs Zweitstudium
im Netz.
Verkehrte Uni-Welt: Wenn Professor Manuel Castells an sein Institut kommt, um ein Seminar in Soziologie zu geben, dann ist kein einziger Student zu sehen. Dabei kann man sich den Campus gar nicht schöner denken. Kaum geht die Sonne über Barcelona auf, schon zeigt sich die riesige Prachtvilla der Universitat Oberta de Catalunya (UOC) von ihrer schönsten Seite. Auf den Rasen wäre jeder Golfplatzgärtner neidisch. Und in der Empfangshalle spiegelt der Boden wie im Hauptsitz einer Bank.
Castells ist schon einigen Luxus aus Berkeley gewohnt, wo er fünfzehn Jahre gelehrt und an seinem dreibändigen Mammutwerk mit dem Titel "Das Informationszeitalter" geschrieben hat. Seine neue Universität aber übertrifft alles. Und ist in gewisser Hinsicht die Fortsetzung seiner Forschung mit anderen Mitteln.
Vor allem übertrifft sie, was man sich bislang unter einer virtuellen Universität vorstellen wollte. Denn die 1996 gegründete OUC existiert für die Studenten nur im Internet. Die Villa in Barcelona betreten sie während ihrer Studienzeit wahrscheinlich nur einmal: beim Erstsemestertreffen, kurz bevor die Reise durch das Cyber-Curriculum losgeht.
Der Rest passiert auf dem so genannten Metacampus am Bildschirm - zuhause, im Flugzeug, im Zug, aber auch am Swimmingpool im Urlaub. Von Deutschland aus schalten sich täglich zehn Studenten zu, die ihr Diplom oder ihren Doktor auf Spanisch und Katalanisch machen wollen. Damit wollen sie auch im Ausland Kontakt zur Heimat halten.
Keine Spur von Einsamkeit
Der Spanier Josep Lluís Cardona Tegen zum Beispiel. Als der Systemadministrator bei der deutschen Agentur Reuters in Hamburg ein Jobangebot bekam, wollte er sein Studium nicht einfach abbrechen. An den hanseatischen Fachhochschulen wurden ihm allerdings nur Steine in den Weg gelegt. "Die Scheine, die ich an meiner spanischen Uni gemacht habe, wurden hier zum großen Teil nicht anerkannt", klagt der 30-Jährige in perfektem Deutsch. "Und ich sollte noch so viele Kurse nachholen, dass ich eigentlich hätte wieder von vorne anfangen müssen."
Da lag es für Tegen nahe, das Studium in Spanien fortzusetzen, obwohl er längst in Hamburg war. Deshalb schaltet er sich jetzt elektronisch in den Hörsaal der UOC ein. Immer abends oder, wenn die Zeit zu knapp ist, am Samstag und Sonntag. Rund fünfzehn Stunden studiert er pro Woche. Und das heißt für ihn: Die E-Mails der Dozenten lesen, eigene E-Mails verschicken, Hausaufgaben machen, Prüfungen vorbereiten und mit den Kommilitonen online über die aktuellen Themen diskutieren. "Ein einsames Studium ist das ganz bestimmt nicht, weil man dauernd in Kontakt mit anderen Leuten ist", sagt Tegen.
Nur hat der Student schnell mitbekommen, dass man an einer virtuellen Universität noch disziplinierter sein muss, um den Anforderungen gerecht zu werden. Der Soziologie-Professor Castells hält aber gerade das für einen Vorteil. "Wir haben hier Leute, die wirklich studieren wollen und hoch motiviert sind", schwärmt er, während er quer durch die hohen Hallen der UOC schreitet, um in den Keller zu kommen, ins eigentliche Herzstück der Universität.
Dass sich ausgerechnet ein international geachteter Experte für technische und kulturelle Netzwerke an einer Internet-Universität engagiert, hat für Aufsehen gesorgt. Die Zeitschrift Economist hat Castells als "ersten großen Philosophen des Cyberspace" gefeiert und Kofi Annan hat ihn in eine UN- Projektgruppe zum Thema Dritte Welt und Informationstechnologie berufen. Was so ein wissenschaftliches Schwergewicht bei einem so luftigen Projekt wie der virtuellen Universitat Oberta zu suchen hat, können die Kollegen nur schlecht verstehen. Denn akademische Lorbeeren kann man sich in diesem Bereich kaum noch verdienen, seit das Online-Lernen nach den Jahren des Hypes immer mehr in Verruf geraten ist.
Explosion des digitalen Bildungsmarktes, Globalisierung der Lehre, lebenslanges Lernen unabhängig von Raum und Zeit - mit Hilfe solcher Schlagworte hatten deutsche Fachleute noch 1999 ein Zukunftsszenario entworfen, in dem man sich ausmalte, dass binnen kurzer Zeit 50 Prozent der Studenten in virtuellen Universitäten eingeschrieben sind. Doch schon heute, knapp zwei Jahre nach Erscheinen der Studie, zweifelt man, ob auf Seite der Lernenden überhaupt ein Bedarf besteht, der nicht auch von den traditionellen Fernuniversitäten gedeckt werden kann.
Die US-Stars trudeln längst
Auch ist das, was im Netz an Lehrangeboten zu finden ist, äußerst dürftig - kaum eine Online-Uni, die wirkliche Interaktivität bietet. Die amerikanischen Universitäten, die den deutschen Experten beim Entwurf ihres Szenarios noch als Vorbilder dienten, nehmen viel Geld und bieten außer Volltextangeboten und stumpfen Frage-Antwort-Spielchen wenig. Über tausend Dollar verlangt zum Beispiel die renommierte Harvard-Universität für die Teilnahme an einem einzigen Online-Seminar. Die einst gefeierten Stars der digitalen Bildungslandschaft wie die Open University of Phoenix bekommen schon längst keine glänzenden Kritiken und Empfehlungen mehr. "Propaganda oder, wie es heute heißt, Marketing ist eines der wichtigsten Geschäfte auf diesem Gebiet", klagt Rolf Schulmeister in seiner grundlegenden Studie über virtuelles Lernen. "Die Hauptsache ist, man ist irgendwo der erste und größte."
Manuel Castells scheint davon ganz unbeeindruckt. Angst, mit der Universitat Oberta vom Abschwung des digitalen Bildungsmarktes erfasst zu werden, hat er nicht. "Die Qualität der Angebote wird entscheidend sein. Wer gute Lehre macht und seine Studenten gut betreut, der setzt sich durch."
Im Keller der UOC wird klar, warum er sich so optimistisch gibt. Denn hier brummt auf mehreren Stockwerken die Betreuungsmaschine. Erinnert die Villa über der Erde noch ans 19. Jahrhundert, so ist man schon ein paar Meter tiefer in der Glas- und Chrom-Atmosphäre der Zukunft angekommen. Durch eine raffinierte Architektur wird das Tageslicht in die kleinen, schmalen Räume geleitet, in denen lauter junge Leute vor Bildschirmen sitzen. Von hier aus betreuen sie die Studenten. Zuständig sind sie für technische Fragen genauso wie für inhaltliche Probleme, die beim Studium daheim auftauchen.
Technischer Minimalismus
Die Büros der Professoren sind nicht wesentlich größer. Wer auf neun Quadratmetern unterkommt, gehört zu den Glücklichen. Immerhin müssen pro Semester über 70 Wissenschaftler untergebracht werden, die an der UOC hauptberuflich unterrichten. Dazu kommen 700 Teilzeitdozenten und Tutoren. Sie kümmern sich um mittlerweile 20.000 Studenten, die sich für Wirtschaft, Psychologie, Informatik, Jura, Politikwissenschaft, Katalanisch oder für eins der geisteswissenschaftlichen Fächer eingeschrieben haben.
Was an Unterrichtsmaterialen zur Verfügung gestellt wird, ist nicht sensationell. Es gibt keine abgefilmten Vorlesungen, die sich die Studenten im Netz angucken können. Auch hat man keine dreidimensionalen Chat-Räume programmiert, in denen die Kursteilnehmer in virtuelle Körper schlüpfen, um die aktuellen Themen zu diskutieren. Hier wird hauptsächlich mit Text gearbeitet - "und zwar aus Rücksicht auf die technologische Ausstattung der Studenten", wie Casalls erklärt. "Denn was nützen die tollen Anwendungen, wenn die Computer auf der anderen Seite viel zu langsam sind." Erst im nächsten Semester wird der Soziologe sein Doktorandenseminar als Videostream live durch das Internet schicken.
Lesen Sie im zweiten Teil:
Trotz dieser Orientierung am technischen Minimalismus hat die UOC fast alle großen Anerkennungspreise gewonnen, die es für virtuelle Universitäten zu gewinnen gibt, zuletzt den nach dem ehemaligen deutschen Wirtschaftsminister benannten Global Bangemann Challenge Award für die beste europäische Initiative in Sachen Fernunterricht.
Den so pragmatischen Optimismus eines Netzexperten wie Castells will man in Deutschland aber nicht teilen. Große Experimente sind nicht erwünscht. Lieber setzt die deutsche Politik auf kleine, bedächtige Schritte, um die alten Bildungsideale nicht zu gefährden, auch wenn die an den deutschen Universitäten längst verschlissen worden sind.
Bereits vor einem Jahr hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung Edelgard Bulmahn der rein virtuellen Universität eine Absage erteilt, weil in ihr "die personelle Lehre" nicht mehr vorkomme: "Ob man per E-Mail eine Wissensfrage klärt,oder ob man in einem vollen Hörsaal eine These gegen einen Professor vertreten muss, wirkt sich sehr unterschiedlich auf die Persönlichkeitsentwicklung aus".
Manuel Castells kennt die Hörsäle zu gut, um diesen nostalgischen Blick zu teilen: "In den Massenuniversitäten ist das eine Fiktion. Niemand glaubt doch wirklich daran, dass Studenten in überfüllten Räumen ihre Thesen vertreten können." An der UOC habe man sich gerade deshalb zur Pflicht gemacht, alle elektronischen Anfragen von Kursteilnehmern innerhalb von zwei Stunden zu beantworten.
Zähe Projekte in Deutschland
In Deutschland aber haben die Bedenken, dass virtuelles Lernen die Persönlichkeitsentwicklung der Studierenden stören könnte, ganz reale Folgen. Statt auf die Netz-Universität setzt man auf die Verbindung von Präsenz- und Onlinestudium. 400 Millionen Mark hat das Bundesministerium für Forschung und Bildung zur Verfügung gestellt, um solche Mischformen zu fördern.
Zusätzlich lässt fast jedes Bundesland eine Hochschule im Internet bauen. Ob Bayern oder Baden-Württemberg, ob Niedersachsen oder Berlin und Brandenburg - überall wird versucht, die Universitäten zu verknüpfen, um das Lehrangebot zu erweitern. Hinzu kommen die Projekte der Fernuniversität Hagen, die schon seit längerem an ihrem Campus im Cyberspace bastelt.
Wer die langwierigen Auseinandersetzungen über die Folgen des Online-Lernens in Deutschland verfolgt, mag sich wundern, dass man in Barcelona nur vier Jahre gebraucht hat, um aus der UOC eine erfolgreiche Institution zu machen. Gabriel Ferraté, Direktor der Universitat Operta und ehemaliger Präsident der Polytechnischen Universität in Barcelona, erklärt sich diesen Erfolg so: "Wir haben bei Null angefangen. Es wurde eben nicht der Versuch gemacht, sich an eine bestehende Universität mit ihren festgefahrenen Regeln und Gesetzen zu hängen. Wir haben ein freischwebendes Experiment gestartet."
Heimatbonus: Katalanen zahlen weniger
Paradoxerweise wird dies Experiment der Virtualisierung erst möglich durch die Verwurzelung in der Regionalkultur. Die Online-Uni wird großzügig vom Bundesland Katalonien unterstützt. Denn die Regionalverwaltung möchte die katalanische Kultur mit Hilfe des Internet unterstützen, um die verstreut in aller Welt wohnenden Katalanen per Datennetz an die Heimat zu binden. Dafür gibt es sogar finanzielle Anreize: Alle, die ihr Studium in Katalanisch absolvieren - einem Regionaldialekt der wie eine Mischung aus Französisch und Spanisch klingt - müssen weniger bezahlen als jene, die Kurse auf Spanisch oder Englisch belegen. Zwischen 1 200 und 3 000 Euro kostet das Studienjahr, das ganze Studium kostet ab 5600 Euro aufwärts.
Castells und seinen Kollegen geht es um mehr als nur um die Gründung einer Online-Universtität: Die UOC steht für ein neues Selbstverständnis. Nicht mehr als Mangel- und Ersatzstudium, sondern als lebenslange, hoch spezialisierte Bildungs-Ergänzung auf hohem Niveau. Und zu saftigen Preisen natürlich.
Junge Studienanfänger sind daher für die Universitat Oberta nicht interessant. Spezialisiert hat man sich auf Leute wie den Systemadministrator Cardona Tegen, die sich ihr Studium etwas kosten lassen, weil sie es als Zusatzqualifikation brauchen. 80 Prozent der Studenten sind bei der Immatrikulation älter als 25 Jahre. 60 Prozent haben längst einen Abschluss, 90 Prozent arbeiten bereits, viele davon in führenden Positionen im Bereich der Informationstechnologie.
"Wir müssen vieles erst ausprobieren"
"Gerade diese Leute müssen ihr Leben lang studieren", sagt Castells. "Und gerade für die ist es wichtig, nicht nur etwas über die Computer zu lernen, sondern durch die Computer."
Seinen Bereich am UOC nennt er in Anlehnung an die universitären "Centers of Excellence" stolz das "Net of Excellence" - ein kleines, feines Bildungsnetz für höchste Ansprüche. Ob sich seine Vision von der regional verankerten, aber global vernetzten Elite-Uni für lebenslange Fortbildung langfristig durchsetzen wird, bleibt derzeit unklar. Castells jedoch scheint zuversichtlich, ja geradezu unbekümmert. Schließlich forscht er derzeit zum Thema "Katalonische Identität im Internet". So wird verständlich, warum er unbedingt die kleine Startup-Uni im Netz mit aufbauen will. Denn die virtuelle Alma Mater ist für ihn nicht als nur ein Arbeitsplatz.
Gleichzeitig sieht er sie als soziologischen Selbstversuch in Sachen
Netzgesellschaft. "Wir müssen vieles erst ausprobieren, um zu wissen, wie es
am besten funktioniert. Aber dafür ist es ja ein großes Experiment." Und
sollte dies Experiment scheitern, dann wird Castells sicherlich ein
interessantes Buch daraus machen.
Von Stephan Porombka