| Kurzbeschreibung des Cornelia-de-Lange-Syndroms (CdLS) |
Kirsten Parmentier
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Diese Hausarbeit soll das Cornelia-de-Lange-Syndrom
(CdLS) zusammenfassend darstellen, um einen Überblick über die
Symptomatik zu verschaffen.
Deswegen bediente ich mich nur des einen
Fachbuches „Entwicklungspsychologie genetischer Syndrome“, hrsg. von Klaus
Sarimski, Göttingen: Hogrefe 1997.
Dort werden mehrere statistisch ausgewertete
Befragungen zu verschiedenen Merkmalen und Ausprägungen des CdLS dargestellt.
Ich führe keine Tabellen und kaum Untersuchungsergebnisse in Werten
an, sondern fasse hier die wichtigsten und häufigsten Ergebnisse kurz
zusammen.
Anschließend füge ich eine
Einzelfallbeschreibung bei, damit das Cornelia-de-Lange-Syndrom anhand
der Darstellung des Kindes etwas anschaulicher wird.
Das Cornelia-de-Lange-Syndrom ist ein Dysmorphiesyndrom,
das durch multiple angeborene Fehlbildungen und in den meisten Fällen
durch eine schwere geistige Behinderung gekennzeichnet ist. Die Erstbeschreibung
wurde von der gleichnamigen holländischen Kinderärtzin im Jahre
1933 vorgenommen.
Die Diagnose kann bis heute nur aus den
klinischen Merkmalen gestellt werden. Trotz mehrerer Versuche konnte bislang
weder ein biochemischer noch ein chromosomaler Marker gefunden werden.
Es findet sich kein Geschlechtereffekt,
ebenso kein systematischer Einfluß des Alters der Eltern auf die
Auftretenshäufigkeit. Das empirische Wiederholungsrisiko bei Geschwistern
von CdLS-Kindern liegt zwischen 2% und 5%.
Zu den körperlichen Merkmalen gehören
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Kognitive und adaptive Entwicklung beim klassischen CdLS
Es gibt mehrere empirische Erhebungen zum Entwicklungsprofil bei Patienten mit klassischem CdLS. Ich werde einige Ergebnisse zusammenfassend darstellen.
Die Selbständigkeitsfertigkeiten der
betroffenen Personen sind eingeschränkt, wobei man das Alter und den
individuellen Entwicklungsstand nicht außer Acht lassen darf.
Soweit Differenzierungen zwischen einzelnen
Teilbereichen möglich waren, fanden sich relative Stärken im
Bereich der visuellen Perzeption und Speicherung; hier lagen die Ergebnisse
bis zu drei Standardabweichungen höher als in den anderen Bereichen.
Die feinmotorischen Fertigkeiten waren oft besser als der Entwicklungsstand
im Allgemeinen, soweit keine Gliedmaßenfehlbildungen schwerer Art
vorlagen. Die expressive Sprache war in den meisten Fällen deutlich
weiter retardiert als das Sprachverständnis, beide Bereiche lagen
niedriger als die übrigen Fähigkeiten.
Der Entwicklungsverlauf hängt offensichtlich
auch von der Intensität der Frühförderung ab. Laufen, Sitzen,
Essen und Anziehen lernen, ebenso selbständig einfache Aufträge
ausführen machen den Betroffenen zum großen Teil erhebliche
Schwierigkeiten. Nur wenige Kinder erreichen einen gewissen Grad an Selbständigkeit.
In den bislang durchgeführten Studien
zeigte sich, daß bei vielen Menschen mit der klassischen Form des
CdLS die Sprachentwicklung ein besonderes Problem darstellt. Spezielle
Defizite sind allerdings nicht für alle Kinder mit CdLS charakteristisch.
Kinder, bei denen die Sprachentwicklung
ausblieb oder sehr stark verzögert war, hatten oft ein Geburtsgewicht
unter 2500 g, eine mäßige oder schwere Hörbehinderung,
Reduktionsfehlbildungen der oberen Extremitäten, eine geringe Kontaktfähigkeit
und eine stark verzögerte motorische Entwicklung.
Auch die Kinder, die sich nicht mit Worten
verständigen lernen, erreichen aber oft non-verbale Ausdrucksfähigkeiten,
die für ihre soziale Integration von großer Bedeutung sind.
Sie suchen z.B. die Aufmerksamkeit des Erwachsenen, indem sie sich ihm
nähern, lautieren oder die Arme ausstrecken, um hochgenommen zu werden.
Sie können ausdrücken, daß sie etwas nicht möchten,
indem sie seine Hand wegschieben. Um Wünsche und Bedürfnisse
auszudrücken, benutzen zumindest einige der älteren Kinder differenzierte
gestische Ausdrucksmittel. Sie übergeben Objekte, wenn sie die Hilfe
des Erwachsenen bei einer Tätigkeit brauchen, ziehen ihn an der Hand,
damit er mit ihr/ihm irgendwohin geht, lächeln ihn an, wenn sie von
ihm etwas möchten. Hinzeigen ist dagegen auch bei den älteren
Kindern selten.
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Sozial-emotionale Verhaltensweisen
Die sozial-emotionalen Verhaltensweisen,
die in den Untersuchungen aufgeführt sind, untergliedern sich in folgende
Punkte:
| Soziales Verhalten: |
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| Körperliche Aktivität: |
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| Unübliche Bewegungen und Interessen: |
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| Ängstlichkeit und Stimmung: |
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| Selbstverletzendes und aggressives Verhalten: |
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Elternbelastung
Die Befragung der Eltern von Kindern mit
CdLS ergab wie erwartet, daß sie sich selbst als stark belastet beschreiben.
Das gilt besonders für die unmittelbare
Interaktion mit dem Kind. Es ist schwer für sie, die schwierigen,
fordernden Verhaltensweisen und die z.T. geringe Anpassungsfähigkeit
der Kinder anzunehmen sowie auszuhalten, daß sie von ihnen wenig
positiv verstärkende Rückmeldung erhalten. Sie fühlen sich
unsicher in ihrer erzieherischen Kompetenz.
Die psychische Belastung der Eltern durch
Depressivität, Bindungsprobleme zum Kind, Einschränkungen der
Lebensgestaltung und körperliche Beschwerden ist oft hoch. Trotzdem
bestätigte der Großteil der befragten Elternpaare den Wunsch,
ihr Kind zuhause großzuziehen und nicht durch Fremde in einem Heim
pflegen zu lassen.
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Einzelfallbeschreibung: Thomas: 3,5 Jahre
Thomas wurde nach unauffälligem Schwangerschaftsverlauf
zum errechneten Termin mit knapp durchschnittlichen Geburtsmaßen
geboren (Gewicht 3070 g, Körperlänge 47 cm, Kopfumfang 33 cm).
Von Anfang an legten einige körperliche Besonderheiten (z.B. starke
Behaarung, Wachstumsverzögerung, Gesichtsdysmorphien) den Verdacht
auf das CdLS nahe, der im Alter von neun Monaten dann auch durch eine humangenetische
Untersuchung bestätigt wurde.
Die Entwicklung verlief verzögert.
Thomas habe sehr viel geschlafen und erst mit sieben Monaten zu greifen
und mit zwölf Monaten zu lautieren begonnen. Insbesondere in den ersten
Wochen habe er sehr schlecht getrunken; bis zum Ende des ersten Lebensjahres
habe er nur die Flasche akzeptiert, erst dann allmählich auch Löffelangebote.
Mit einem Jahr habe er sich in die Bauch- und Rückenlage und zurück
rollen, aber noch nicht sitzen können. Eine krankengymnastische Behandlung
nach Bobath konnte an der langsamen Entwicklung nichts Wesentliches ändern.
Dies war auch der motorische Stand zum
Zeitpunkt der Erstvorstellung im Kinderzentrum im Alter von 15 Monaten.
Thomas zeigte aber eine gute visuelle Aufmerksamkeit, verfolgte und inspizierte
Dinge, lokalisierte eine Geräuschquelle, explorierte Effekte durch
Schütteln, Klopfen und absichtliches Wegwerfen. Ebenso waren erste
räumliche Wahrnehmungs- und Gedächtnisleistungen zu sehen; er
holte Dinge aus einem Behälter und suchte sie unter einer Abdeckung.
Insgesamt entsprach das Handlungsvermögen einem Entwicklungsalter
von 9 Monaten.
Größere Rückstände
zeigte die kommunikative Entwicklung. Thomas hielt zwar intensiven Blickkontakt
zum Untersucher, setzte die Blickrichtung auch gezielt ein, um sein Interesse
an Gegenständen zu zeigen, konnte das Hinschauen aber noch nicht mit
Hindeuten oder Vokalisationen als Ausdrucksmittel verbinden. Die spontane
Lautbildung war insgesamt äußerst spärlich.
Bei der Wiedervorstellung im Alter von
3,1 Jahren hat er in diesem Bereich - entgegen der sonstigen Entwicklung
- kaum Fortschritte gemacht. Die Eltern berichten, daß er zuhause
hin und wieder Silbenketten bilde. Bei der Untersuchung macht er durch
Blickkontakt zum Erwachsenen und durch einfache Vokalisationen deutlich,
wenn er etwas möchte, durch Wegschieben und ärgerliche Laute,
wenn er etwas nicht (mehr)
möchte. Insgesamt zeigt er wenig
kommunikative Initiative. Auf Aufträge reagiert er nur dann zuverlässig,
wenn sie durch hinweisende Gesten unterstützt werden.
Die feinmotorischen, perzeptiven und spielerischen
Fähigkeiten sind aber deutlich weiter entwickelt, worin sich auch
der Erfolg einer intensiven heilpädagogischen Frühförderung
in der Zwischenzeit niederschlägt. Er läuft mittlerweile frei
und sicher. Thomas kann Dinge auf- und zudrehen, aufeinanderbauen, Baubecher
ineinander bauen, gezielt Formen in Umrisse einordnen und Farben sowie
einfache Bilder einander zuordnen. Das Auffädeln gelingt fast selbständig.
Er beobachtet sehr genau, wie etwas zu machen ist, bevor er es dann mit
einiger Verzögerung selbst probiert. Die feinmotorische und kognitive
Entwicklung entspricht nach den Kriterien der MFED einem Entwicklungsalter
von mindestens 26 Monaten, so daß sich ein Entwicklungsquotient von
über 65 ergibt. Einige Fähigkeiten, z.B. das Nachzeichnen von
Strichen oder das Bauen eines hohen Turmes sind sogar einer höheren
Entwicklungsstufe zuzuordnen. Allerdings scheint er bei der Handlungsplanung
auf Materialien angewiesen zu sein, denen eine Struktur innewohnt. Bei
offenen Spielangeboten, z.B. beim Puppenspiel, tut er sich wesentlich schwerer.
Er beobachtet das Füttern und Kämmen einer Puppe z.B. lange,
bevor er es -dann aber zielgerichtet- nachahmt.
Belastende Verhaltensprobleme im Alltag
bestehen nicht. Thomas hat mit zwei Jahren Normalkost zu akzeptieren begonnen,
läßt sich aber noch füttern und beißt nicht ab. Er
kann sich gut auf verschiedene Bezugspersonen einstellen. Einige Handlungen
wiederholt er nach Angaben der Eltern sehr stereotyp (z.B. Möbel oder
Schuhe „anknabbern“, Stühle umkippen), könne sehr zornig werden,
lasse sich dann aber trösten. Die Kontaktaufnahme zu anderen Kindern
ist noch ungestüm (z.T. mit Schubsen und Hauen). Er reagiert auf ihre
negativen Reaktionen dann betroffen.
In der Montessori-Übungsbehandlung
zeigt sich, daß eine deutliche Diskrepanz besteht zwischen seinem
Repertoire an eingeübten Fertigkeiten und seiner noch wenig entwickelten
Fähigkeit, sich in einer vorbereiteten Umgebung selbständig mit
Materialien auseinanderzusetzen. Er ist noch sehr auf die Wahrnehmung unmittelbarer
Sinneserfahrungen bezogen. Es zeigen sich aber Ansätze zu einem kooperativen
Dialog mit der Therapeutin, aus denen sich mit der Zeit ausgedehntere gemeinsame
Tätigkeiten entwickeln lassen werden.
Sie bietet ihm zunächst einen Krabbelsack
an. Er holt gemeinsam mit ihr Krabbelsack und Teppich, ist dabei sehr vorsichtig
und langsam, beobachtet genau, zieht die Teppichdecke glatt. Er holt einzelne
Gegenstände aus den Säckchen und untersucht sie. Er dreht z.B.
mit Hilfe eine Dose auf, schaut in den Sack mit einem erstaunten „u“, holt
den Teddybär heraus, schüttelt ihn, legt ihn dann achtlos beiseite.
Als nächstes holt er den Tannenzapfen und die Cremedose heraus, dreht
auch hier den kleinen Verschluß ab, setzt ihn dann wieder auf, schaut
kurz zur Therapeutin und scheint ihre Hilfe zu suchen. Sie hilft ihm daraufhin
beim Zudrehen. Dann findet er im Krabbelsack ein Auto, schiebt es hin und
her. Es bleibt jeweils bei kurzen Momenten des Erkundens der gefundenen
Gegenstände.
Dann bietet sie ihm eine Schüttübung
mit zwei Flaschen, Sand und Trichter an, um ihn zu einer längerenTätigkeit
zu führen. Sie führt seine Hand beim Aufdrehen der Flaschen,
dann beim Umschütten durch den Trichter. Er zieht aber die Hand zurück
und schaut fasziniert dem Sand hinterher. Dann will er selbst die Flasche
greifen, die sich aber als zu schwer erweist, so daß sie mit dem
Sand umkippt. Er ärgert sich, ohne die Miene zu verziehen, wirft schwungvoll
erst den Deckel, dann die Flasche weg. Die Therapeutin kommentiert seinen
Ärger und räumt auf, nachdem er auf Aufforderung den Deckel geholt
hat.
Als nächstes wählen beide eine
Tafel und Kreide aus. Er beginnt spontan, mit der Kreide Striche zu machen.
Sie nimmt sich ebenfalls eine Kreide und versucht, im Wechsel mit ihm zu
malen. Er schaut nach jedem Strich hoch, zögert, übergibt dann
aber auch seine Kreide an die Therapeutin, macht mit „e“ und Blickkontakt
deutlich, daß sie mit Malen an der Reihe ist. Es gelingt sogar für
einen Moment eine wechselseitige Nachahmung, indem sie beide abwechselnd
Punkte auf die Tafel malen.
Dann nimmt er die Schale, in der der Schwamm
liegt, schüttelt sie auf und ab, so daß der Schwamm runterfällt.
Sie legt ihn wieder rein, er wiederholt das Spiel mehrfach, lächelt,
schaut die Therapeutin an, ob sie wieder reagiert. Sie schiebt ihm die
Tafel zu. Er nimmt sich den Schwamm und wischt sie ab, nimmt die Kreide
und malt erneut, läßt den Schwamm dann nochmals hopsen und freut
sich sichtlich an der Effekten seiner Handlung.