| Das Korsakow-Syndrom |
Anne Katharina Lange
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Der russische Psychiater und Neuropsychologe
Sergej Korsakow beschrieb dieses Syndrom schon im Jahre 1887 mit den Worten:
"Die Erinnerung an kurz zurückliegende
Ereignisse ist fast gänzlich zerstört; Eindrücke aus der
unmittelbaren Vergangenheit werden offenbar als erste getilgt, während
solche, die aus früherer Zeit stammen, genau erinnerlich sind, so
daß die Auffassungsgabe des Patienten, sein Scharfsinn und seine
geistige Beweglichkeit weitgehend unbeeinträchtigt bleiben."
Es handelt sich bei diesem Syndrom um eine Beeinträchtigung der Verarbeitung neuer Informationen im Kurzzeitgedächtnis, um diese dauerhaft im Langzeitgedächtnis zu speichern. Die klassische Definition beschreibt eine tiefe und permanente Auslöschung des Gedächtnisses infolge einer Zerstörung von Neuronen in den winzigen, für das Gedächtnis aber unentbehrlichen Mammillarkörpern des Hypothalamus durch Alkoholmißbrauch. Das übrige Gehirn bleibt unbeeinträchtigt.
Das durch alkoholisch-toxische Einflüsse verursachte Korsakow-Syndrom, auch als Korsakow-Psychose oder amnestisches Psychosyndrom bezeichnet, kommt selbst bei starken Trinkern selten vor. Andere mögliche Ursachen von Schädigungen dieser Art sind aber zum Beispiel ein Hirntumor oder Hirnverletzungen mit Beeinträchtigung der Mammillarkörper.
Das akute Korsakow-Syndrom geht mit hohem
Fieber einher. Der Patient phantasiert und hat extreme Gedächtnisstörungen.
Nacheinigen Tagen klingt das Fieber ab, zurück bleiben irreparable
Schäden und ständige Konfabulationen.
Betroffene Menschen können sich an
die Zeit vor der Neuronenzerstörung erinnern, haben also noch Zugriff
auf das Langzeitgedächtnis, neue Informationen können jedoch
nicht mehr im Kurzzeitgedächtnis verarbeitet und später im Langzeitgedächtnis
gespeichert werden. Das sensorische und das Langzeitgedächtnis
sind nicht beeinträchtigt, aber ohne die unerläßliche Verarbeitung
im Bindeglied Kurzzeitgedächtnis können Erlebnisse, Ereignisse,
Daten und andere Informationen nicht mehr an das bisher Gespeicherte anknüpfen.
(--anterograde Amnesie: Verlust der Fähigkeit, Erinnerungen
an neue Fakten zu bilden--) Neues Lernen wird dadurch nahezu unmöglich.
In Verbindung mit dem Korsakow-Syndrom
tritt oft noch eine weitere Form der Amnesie auf. Es ist dem Patienten
nicht nur unmöglich, sich an Dinge nach der Zerstörung seiner
Merkfähigkeit zu erinnern, sondern zusätzlich werden weitere
Zeitspannen seines Lebens vor der Erkrankung in seinem Gedächtnis
praktisch ausgelöscht. Wenn das akute Syndrom zum Beispiel vor zwei
Jahren eingesetzt hat, ist die letzte Erinnerung, der permanente aktuelle
Stand des Patienten, möglicherweise vor weiteren fünf oder sogar
mehr Jahren anzusetzen. (--retrograde Amnesie: rückgreifender
Gedächtnisverlust über individuelle Zeitspannen vor der Neuronenzerstörung--)
Betroffene Menschen sind zeitlich und
räumlich desorientiert.
Für die jeweilige psychische Situation
hat das Korsakow-Syndrom fatale Folgen in Bezug auf die eigene Identität.
Korsakow-Patienten befinden sich in gleichgültigen oder heiteren
Stimmungslagen. Der Gedächtnisverlust bringt einen Empfindungsverlust
mit sich. Wahrnehmungen folgen einander in unbegreiflicher Schnelligkeit,
ohne verarbeitet werden zu können. Um die eigene Identität zu
wahren, braucht der Mensch aber eine fortlaufende innere Geschichte.
Korsakow-Patienten sind sich ihrer Gedächtnisstörung
gleichzeitig bewußt und auch nicht bewußt, da sie zwar merken,
daß etwas fehlt und sie ständig auf Widersprüche zwischen
ihrem aktuellen Informationsstand und der Realität stoßen. Gleichzeitig
vergessen sie allerdings auch diese Widersprüche nach kurzer Zeit.
Sie knüpfen Erfahrungen in der Gegenwart immer wieder neu an einen
fixierten, längst vergangenen Zeitpunkt ihres früheren Lebens
an. Dadurch sind sie zeitlich und räumlich desorientiert und ohne
Kontinuität. Es gehen Jahre eines Lebens durch das Vergessen verloren.
Oliver
Sacks beschreibt in seinem
Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" zwei seiner
Patienten mit Korsakow-Syndrom. In beiden Fällen treten besonders
der Verlust von innerer Realität, Gefühl und Lebenssinn in den
Vordergrund. Die für die Identität so wichtige Urteilsfähigkeit,
die zwischen wahr und unwahr, wichtig und unwichtig, wirklich und unwirklich
entscheidet, ist durch das ständige Vergessen und die Unfähigkeit,
Ereignisse in Relation zueinander zu setzen, verloren.
Der eine Patient fällt besonders
durch ständiges oberflächliches Geplapper auf. Er erfindet in
seinen phantasiereichen Geschichten die Welt um ihn herum immer wieder
neu. Diese hektische, verzweifelte Suche nach einem Sinn zieht sich permanent
durch sein Leben, sobald er mit Menschen zusammen ist und versucht, diese
in sein Leben einzuordnen und ihnen dabei in nur wenigen Minuten
zahlreiche Personen und Berufe zuordnet. Nur im Garten und ohne Ablenkung
kommt dieser Mensch zur Ruhe.
Sacks sieht einen Therapieansatz in dem
Satz "Man muß nur eine Verbindung schaffen.". Einerseits kann von
der neurologischen Seite her versucht werden, die "beschädigten Programme
und Systeme zu rekonstruieren" (Sacks). Außerdem lassen sich Korsakow-Patienten
selbst bei umfassender retrograder Amnesie und neurologischer Zerstörung
auf den Gebieten des Ästhetischen, Ethischen, Religiösen und
Dramatischen erreichen Optimal wäre eine Kombination der systemorientierten
neurologischen mit der künstlerischen Therapie.