| Das Rett-Syndrom |
Sabine Bremer
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| Inhaltsverzeichnis |
| 0. Einleitung |
| 1. Genetik |
| 2. Symptomatik |
| 3. Pädagogik/ Therapie |
Diese Arbeit soll erste Informationen über
das Rett-Syndrom geben. Es wird zunächst auf die klinische Genetik
eingegangen, die den Entstehungsmechanismus beleuchtet. Danach wird die
Symptomatik beschrieben, wobei auf die kognitive, kommunikative, motorische
und emotionale Entwicklung eingegangen wird. Bevor Tipps zur weiteren Literatur
den Abschluss der Arbeit bilden, werden pädagogische Erfahrungen und
Möglichkeiten der Förderung vorgestellt.
Seinen Namen verdankt das Rett-Syndrom
dem Wiener Professor Andreas Rett, der 1966 als Erster diese Entwicklungsstörung
beschrieb. Sie tritt ca. einmal pro 10.000 Geburten auf.
Das Rett- Syndrom ist eine neurologische
Störung und führt zu einer Verkleinerung des Zentralnervensystems.
Im ZNS sind bestimmte Bereiche betroffen, nämlich die Basalganglien
und hiervon insbesondere der Thalamus und die Substantia nigra. Störungen
der Basalganglien führen bei Erwachsenen zum Parkinson-Syndrom. Die
Substantia nigra ist für den Dopaminhaushalt verantwortlich. Es kommt
durch die Störung zu einer Unterversorgung mit Dopamin. Es kommt nach
einer unauffälligen prä- und perinatalen Entwicklung zu einer
kognitiven und funktionalen Entwicklungsstagnation und anschließender
Rückentwicklung.
Der genetische Entstehungsmechanismus
für das Rett-Syndrom ist bis heute nicht ganz geklärt. Obwohl
die Forschung seit Oktober 1999 ein Stück weiter ist. Seit dem kennt
man nun das verantwortliche Gen, das MeCP2 (gesprochen Mäkpietu),
das auf dem X-Chromosom liegt, und das an der Produktionssteuerung eines
noch unidentifizierbaren Proteins beteiligt ist. Ist das Gen, MeCP2, defekt,
gelingt die Steuerung dieses Proteins nicht mehr. Dieses Protein ist zwar
noch nicht identifiziert, jedoch vermuten Forscher, vor allem an der Stanford
University und am Baylor Collage of Medicine in Houston, dass dieses Protein
bedeutend für die Hirnentwicklung ist. Dass das verantwortliche Gen
auf dem X-Chromosom liegt, wurde schon lange vermutet, da das Rett-Syndrom
nur bei Mädchen beschrieben wird.
Um das alles etwas mehr zu erklären,
hier kurz Grundsätze der Genetik: In jeder Zelle unseres Körpers
finden wir 46 Chromosomen in 23 Paaren; 23 Chromosomen kommen von der Mutter,
23 Chromosomen kommen vom Vater. Die Chromosomen sind die Träger der
Gene, die wie eine „Blaupause“ arbeiten und so die Art und Weise unserer
Entwicklung bestimmen. Nur in den Eizellen der Frau und den Spermazellen
des Mannes befinden sich jeweils nur der einfache Chromosomensatz, also
nicht 46 sondern 23, damit der kindliche Organismus nicht den vierfachen
Chromosomensatz enthält. Bei der Befruchtung vereinen sich Eizelle
und Spermazelle, so dass wieder 46 Chromosomen zusammen sind.
Ein Chromosomenpaar bestimmt das Geschlecht
eines Menschen, nämlich das X- und das Y-Chromosom. Frauen haben zwei
X-Chromosomen (XX), je eines von Vater und Mutter. Männer haben ein
X-Chromosom von der Mutter und ein Y-Chromosom vom Vater (XY). Frauen haben
demnach zwei X-Chromsomen, obwohl sie nur eins für die genetischen
Informationen benötigen. Darum wird ein X-Chromosom „abgestellt“ bzw.
ausgeschaltet. Etwa die Hälfte der Zellen schaltet das von der Mutter
kommende aus und die andere Hälfte das vom Vater kommende. Dieser
Vorgang (X-Inaktivierung) geschieht nach einem zufälligen Muster.
Tritt nun eine Mutation auf einem X-Chromosom
auf, ist Mädchen eine Kompensationsmöglichkeit gegeben, da sie
ja zwei davon besitzen, von denen eines abgestellt wird. Jungen ist diese
Kompensationsmöglichkeit nicht gegeben.
Tritt auf dem Gen MeCP2 nun eine Mutation
auf, führt das bei Jungen zu einer Fehlgeburt, bzw. zum Tod kurz nach
der Geburt. Bei Mädchen führt diese Mutation zum Krankheitsbild
des Rett-Syndroms. Wie schwer oder leicht die Mädchen betroffen sind,
hängt davon ab, wie viele Zellen das X-Chromosom mit dem mutierten
Gen nach der X-Inaktivierung enthalten oder nicht enthalten: Sind bei der
X-Inaktivierung viele X-Chromosomen, die das mutierte Gen tragen, ausgeschaltet
worden, ist die Ausprägung gering; sind bei der X-Inaktivierung viele
X-Chromosomen, die das normale Gen tragen, ausgeschaltet worden, ist die
Ausprägung stark.
Der Entwicklungsverlauf des Rett-Syndroms
lässt sich in vier Stadien einteilen. Selbstverständlich bedeutet
diese Einteilung nicht, dass die Entwicklung bei allen Mädchen mit
Rett-Syndrom genau diesem Schema folgend und zeitgleich abläuft. Variationen
im Ausmaß sowie vom Zeitpunkt sind möglich und von Individuum
zu Individuum unterschiedlich.
Bevor das erste Stadium erreicht wird,
sind die Betroffenen nicht auffällig: sie werden nach, in der Regel,
unkomplizierter Schwangerschaft geboren und erleben eine normale körperliche,
sensomotorische und sprachliche Entwicklung in den ersten 6-18 Monaten.
Mögliche Normabweichungen in der Entwicklung des Kindes sind wohl
zu gering, als dass sie besorgniserregend für Eltern oder Ärzte
wären. Um Hilfe bitten Eltern, wenn ihr Kind in das erste Stadium
des Verlaufmodells (Phase der Stagnation) eintritt.
Mit ca. 6 bis 18 Monaten beginnt die motorische
Entwicklung zu stagnieren. Außerdem wird der Kopfumfang nicht größer
bzw. die Zunahme des Kopfumfanges stagniert. Zudem lässt die Aufmerksamkeit
und die Aktivität der Mädchen nach. Eltern berichten, dass ihr
Kind in diesem Stadium plötzlich aufhörte zu Spielen oder all
die Dinge nicht mehr tat, die es zuvor getan hatte. Hatte ein Kind beispielsweise
schon Laufen gelernt, nutztte es nun in keiner Situation mehr das Krabbeln.
Auch vermeiden die Kinder den direkten Blickkontakt. Diese Phase kann einige
Monate andauern.
Im zweiten Stadium (Regressionsphase),
das zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr für einige Wochen
oder Monate anhält, gehen bereits erworbene Fähigkeiten (funktioneller
Gebrauch der Hände, Sprache) verloren, eine allgemeine Rückentwicklung
wird beschrieben. Außerdem tauchen die typischen Handbewegungen
(waschende, wringende und klatschende Bewegungen) auf. In dieser Phase
wirken die Mädchen autistisch. Sie sind sozial und emotional in sich
zurückgezogen, isoliert, können wenig Kontakt zu ihrer Umwelt
aufnehmen und verfallen zudem in plötzlich auftretende Schreiphasen.
Durch Beschreibungen dieser Kinder seitens der Eltern, nimmt man an, dass
die Mädchen in diesem Stadium die Fähigkeit verlieren, Situationen
als Ganzes zu erfassen, Reize in Beziehung zueinander zu setzen. Lindberg
spricht in diesem Zusammenhang von Störungen der sensorischen Perzeption
und Integration. „Die Signale aus ihrem eigenen Körper und von der
Außenwelt scheinen sie zu überwältigen und zu verwirren,
anstatt ihnen sinnvolle Informationen zu übermitteln.“ (Lindberg,
S. 20) So wirken sie verstört und geängstigt bei
jeder Veränderung in ihrer Umwelt. Eine Mutter beschreibt das so:
„(...) Sie fürchtete sich vor allem – Geräusche, Fremden,
Wasser und überhaupt vor allen möglichen Veränderungen.
Wenn sie sich erschreckte, begann sie zu schreien, hysterisch und untröstlich.
Wenn man versuchte, sie aufzunehmen, blieb sie verzweifelt und versuchte
mit Gewalt loszukommen. Sie konnte auch nicht mehr auf einem Stuhl sitzen,
sie musste auf dem Boden essen. Nur im Bett und mit ihrer Puppe fühlte
sie sich sicher.“ Andere Elternberichte: „Sie hörte von einem
Tag zum anderen auf zu greifen – wenn man ihr einen Löffel in die
Hand gab, tat sie so, als ob der heiß wäre.“ „Sie begann zu
erbrechen während dem Essen – es schien als ob sie das Essen in ihrem
Mund nicht spüren könnte und war überrascht, wenn es den
Hals hinunterrutschte.“ (zit. nach Lindberg, 1991).
Das Gangbild der Mädchen die laufen
können, wird unsicher. Überhaupt wird die Grobmotorik unkoordiniert
und mit abrupten Bewegungen.
Im dritten Stadium (Jantzen 1998 nennt
es die „pseudostationäre Phase), dass vom Vorschulalter bis ins Teenageralter
dauern kann, beginnen die Mädchen ihre ihnen verbliebenen Fähigkeiten
langsam wieder zu nutzen, ein Kontakt zur Umwelt wird wieder aufgebaut,
so dass die Kinder nun nicht länger autistisch wirken. Die Entwicklung
stabilisiert sich leicht, allerdings verstärken sich die Handstereotypien.
Die Rumpfataxie [Ataxia griech. = Unordnung; Störung der Bewegungsabläufe
und der Haltungsinnervation mit Auftreten unzweckmäßiger Bewegungen
infolge gestörter funktioneller Abstimmung der entsprechenden Muskelgruppen.
dtv Wörterbuch Medizin] ist nun deutlich, Anfälle treten häufig
auf, sowie Skoliose. Darüber hinaus wird von Gewichtsverlust gesprochen.
In der vierten Phase, in die die Mädchen
erst nach vielen Jahren gelangen, ist eine weitere Verbesserung im kognitiven
Bereich zu erkennen. Kommunikation ist verstärkt möglich, zwar
kaum über Lautsprache, dennoch über gezielten Blickkontakt.
Die epileptischen Anfälle gehen in ihrer Häufigkeit zurück.
Eine deutliche Verschlechterung ist im Bereich der Orthopädie und
Motorik auszumachen. Hier zwingen Skoliose, Abmagerung, Schwäche und
Spastizität die Mädchen meist zur Immobilität.
Es ist für Eltern und Pädagogen
nicht selten schwer festzustellen, in welchem Stadium die Mädchen
sich befinden. Zwei gleichaltrige Mädchen können so unterschiedlich
in ihrem Entwicklungsstand sein, dass es schwer zu glauben ist, dass sie
unter den Bedingungen des gleichen Syndroms leben. Die Diagnose Rett-Syndrom
kann mit Sicherheit erst gestellt werden, wenn die Mädchen etwa fünf
Jahre alt sind. Bis dahin werden häufig Fehldiagnosen, etwa frühkindlicher
Autismus, von den Kinderärzten gestellt.
In der gängigen Literatur zum Rett-Syndrom
heißt es, die Mädchen würden, bezüglich der Intelligenz,
kaum über einen Entwicklungsstand von Einjährigen hinwegkommen,
bzw. sich auf der ersten bis zweiten Entwicklungsstufe nach Piaget befinden.
Barbro Lindberg hat allerdings in ihren Studien beobachtet, dass die Mädchen
die Stufe des präoperationalen Denkens erreichen. Die Annahme, Mädchen
unter den Bedingungen des Rett-Syndroms seien schwer geistig behindert,
muss wohl mit dem fortschreitenden Wissen über die Entwicklungspsychologie
dieses Syndroms, immer mehr differenziert werden. Aufgrund von Elternberichten
und Erfahrungen und Beobachtungen durch Pädagogen wird davon ausgegangen,
dass „(...) die Mädchen „mehr“ verstehen, als ihnen unmittelbar anzumerken
ist.“ (Jantzen 1998).
Zur Lebenserwartung liegen noch keine
epidemologischen Studien vor. Da das Syndrom erstmalig 1966 beschrieben
wurde wundert das nicht. Die Forschung geht allerdings davon aus, dass
die Lebenserwartung bei Frauen mit Rett-Syndrom nicht geringer als normal
ist.
Zunächst bestehen verschiedene Möglichkeiten therapeutisch mit den Mädchen zu arbeiten. Dabei ist es sinnvoll die verschiedenen Formen miteinander zu kombinieren. In der folgenden Tabelle sind die therapeutischen Fördermöglichkeiten im Überblick dargestellt (vgl. Sarimski 1991):
Therapeutische Möglichkeiten beim Rett-Syndrom
Musiktherapie:
Physiotherapie:
Hydrotherapie:
Ergotherapie:
Reittherapie:
Sprachtherapie:
Es besteht daneben natürlich die Aufgabe
pädagogisch mit den Mädchen zu arbeiten. Dabei sollte die Pädagogin
oder der Pädagoge zunächst versuchen zu verstehen, unter welchen
Bedingungen die Mädchen mit der Diagnose Rett-Syndrom leben und überhaupt
lernen können. Dazu dient das Wissen über die Entwicklungspsychologie
des Syndroms, die oben anhand der Genetik und der Symptomatik überblicksartig
dargestellt ist. Sehr dienlich hierfür ist der Artikel von Wolfgang
Jantzen: „Vom Nutzen der Syndromanalyse am Beispiel des Rett-Syndroms“
(Jantzen 1998).
Alle pädagogisch-therapeutischen
Maßnahmen sollten sich daran orientieren, in welcher Phase sich das
jeweilige Mädchen befindet. Befindet sich das Mädchen gerade
im zweiten Stadium, das von allgemeiner Regression gekennzeichnet ist,
sollte die Pädagogik eher Sicherheit und Ordnung vermitteln. Wohingegen
man den intellektuellen, und vor allem den kommunikativen Horizont der
Mädchen besser erweitern kann, befinden sie sich im dritten oder vierten
Stadium. Auf jeden Fall sollte versucht werden die Kommunikationsbereitschaft
der Mädchen zu fördern, indem man sensibel die Interaktionsversuche
(Blicke oder Zeigegesten) der Mädchen aufnimmt und daraus alternative
Sprachsysteme entwickelt. Aus eigener Erfahrung in der Arbeit mit einem
Mädchen, das unter den Bedingungen des Rett-Syndroms lebt, kann ich
die Anwendung von Symbolkarten empfehlen. Seit ca. zwei Jahren hat dieses
16 jährige Mädchen Symboltafeln zu verschiedenen Themen zur Verfügung.
Auf jeder Tafel befinden sich vier Symbole, auf die das Mädchen mit
ihrer rechten Hand zeigt bzw. schlägt. Dadurch ist eine Kommunikation
recht gut möglich, und da sie dadurch gleichzeitig mehr in den Unterricht
integriert ist, ist ihre Stimmung im Allgemeinen wesentlich gestiegen.
Es ist sinnvoll die Mädchen auf ihrem
„emotionalen Kanal“ (vgl. Lindberg 1991) anzusprechen. Das hängt mit
dem Verlust willkürlicher Bewegungsabläufe zusammen. Leistungen
gelingen besser, wenn sie nicht bewusst ausgeführt werden, sondern
eher „nebenbei“ geschehen. „Handeln ohne zu denken“, nennt es Lindberg.
Spricht man sie also auf der kognitiven Ebene an, besteht eher die Gefahr,
dass sie die verlangte Handlung nicht ausführen können, obwohl,
oder gerade weil, sie es wollen. So kann schnell Frustration entstehen,
was natürlich das Lernen nicht fördert.
Abschließend bleibt noch zu sagen,
dass man die Mädchen nicht unterschätzen darf, sie nicht in die
Schublade „schwer geistigbehindert“ stecken darf, vor allem dann nicht,
wenn man davon ausgeht, dass sie mehr verstehen, als wir ihnen ansehen.
Das Mädchen, mit dem ich zusammen arbeite galt lange als schwer geistig
behindert, lag in der Schule meist auf einem Bett und hatte ein Mobile
über sich hängen. Sie schrie in dieser Zeit viel und wurde schnell
müde, wohl ein Hauptgrund, warum sie nicht in den Unterricht integriert
wurde. Durch Zufall kam bei einer Pädagogin die Vermutung auf, dass
dieses Mädchen vielleicht doch mehr versteht. So wurden ihr Bildkarten
als Kommunikationsmittel angeboten, die sie innerhalb von Stunden begeistert
annahm. Es stellte sich heraus, dass dieses Mädchen viel zu sagen
hat. Jetzt ist sie im Unterricht integriert, und gilt als wertvolles Mitglied
der 9. Klasse.
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